Diese CD-Box bringt alle Schubert-Aufnahmen Radu Lupus zusammen, mit der Ausnahme der Impromptus, die man auf einer
separaten CD finden kann.
Leider hat der rumänische Pianist den Aufnahme-Studios den Rücken gekehrt und wir werden wohl auf seine Interpretation einiger wichtiger Schubert-Sonaten (er hat alle in seinem Repertoire) verzichten müssen. Ich mag nicht von "Referenz-Aufnahmen" sprechen, noch überall das vermeintlich "beste" suchen bzw. finden, aber diese Aufnahmen hier sind etwas ganz besonderes.
Die unvollendete E-Dur Sonate D157 gestaltet Lupu wie ein Triptychon, wo der Kopfsatz und das energische Menuett ein elegisches Andante einrahmen. Hier hört man schon eine Klangdichte und eine Poesie der Stille, die den ganz großen Schubert erahnen lassen.
In der kleinen mozartischen As-Dur Sonate D557 bringt er die harmonischen Schattierungen eindrucksvoll zu Geltung.
Bei den großen Sonaten, wo Schubert vom ganzen Klavier Besitz ergreift, zeichnet er sich durch seine Klangfülle und seinen Sinn für Polyphonie aus, so daß man beinahe von einem Organistenspiel sprechen könnte. Die Art, wie er die verschiedenen Stimmen im Finale der A-Dur Sonate D959 ineinanderflicht, ist unvergeßlich.
Besonders in der G-Dur Sonate D894 verlangt Schubert dynamische Abstufungen vom ppp zum fff und kaum ein anderer Pianist kann sie so differenziert und eindrucksvoll realisieren. Die sich in leiseren Regionen bewegende Exposition wird noch filigraner wiederholt und der Ausbruch vom fff in der Durchführung ist umso dramatischer, als Lupus fff nicht lediglich laut, sondern klangvoll ist. Etwas ähnliches geschieht im langsamen Satz von D959 mit seinem kataklysmischen Mittelteil.
Sei es durch seine Art, lange melodische Bögen mit perfektem Legato zu phrasieren, sei es durch die Kunst, mit der er verschiedene Rhythmen, verschiedene Gangarten miteinanderkombiniert, es gelingt Lupu, die empfundene Zeit von der chronometrischen zu befreien. Das "molto moderato" von D960 dauert mit ihm "nur" knappe 18 Minuten, doch der Hörer empfindet es tatsächlich als "molto moderato", als eine Insel, wo die Zeit beinahe still steht.
Die c-moll Sonate D958, wo etliche große Schubertianer (Kempff, Brendel, Arrau) in irgendeiner Art scheitern, wird hier grandios interpretiert. Wo Richter und Dalberto durch eine kompromißlose Interpretation überzeugen, betont Lupu das Rhapsodische. In dieser Sonate, wo die Katastrophe gleich beim Anfang mit herunterstürzenden Tonleitern über vier OKtaven einsetzt, findet er einen Ruhepol in den tiefsten Registern. Das Adagio löst die Versprechungen ein, die im langsamen Satz von D157 angedeutet waren. Die dynamischen Abstufungen gehen von der totalen Stille zum ff, denn hier ist die Stille auch Musik. Im atemlosen Schlußsatz (717 Takte !) weiß er auch, nicht Melodie und Begleitung, sondern echte Polyphonie darzustellen.
Daß Radu Lupu nicht nur große Architekturen sondern auch Miniaturen meistern kann, beweist er mit den zwei Scherzi D593 und ganz besonders mit den Moments Musicaux D780.
Diese CDs sind nicht fürs easy listening da. Das sind keine CDs, die man "immer wieder auflegt". Eher sollte man sich wie bei einem Konzert in seinem Sessel sammeln und bereit sein, sich entführen zu lassen.