Ich fand ja irgendwie meine Jugend in den 80er Jahren schon ziemlich cool. Ausdruck unserer Revolution war es, zwei verschiedenfarbige Schuhe zu tragen oder sich die Haare zu so wahnwitzigen Frisuren zu toupieren, dass meine blonde Freundin den Spitznamen "Sonnenrad" erhalten hat. Wenn ich mir dann aber Filme wie "Radio Rock Revolution" (im Original wie immer passender genannt "The Boat that rocked") ansehe, werde ich richtig neidisch, einfach, weil die 60er Jahre eine ungleich coolere und ereignisreichere Zeit gewesen zu sein scheinen. Die Musik, die Klamotten, das generelle "Feeling" (ich komme um ein paar Hippie-Ausdrücke nicht drumrum), all das war neu, unangepasst und eben cool. Und der Widerstand gegen gängige Konventionen und Moralvorstellungen regte sich auch im Radio. All das, was die staatlichen Sender nicht spielen wollten, wurde von den sogenannten Piratensendern aufgelegt und abgenudelt - nonstop von Schiffen auf der Nordsee. Und genau darum geht es in "Radio Rock Revolution":
Mitte der 60er Jahre gehen in Großbritannien verschiedene Piratensender "on air". BBC Radio gönnt seinen Hörern nur eine Stunde Popmusik am Tag, da diese Musik zur damaligen Zeit den Ruf hatte, ihre Hörer zu Schändlichkeiten wie Sex oder Drogenmissbrauch oder auch nur Auflehnung gegen die Spießermoral, die von den 50er noch mit in die 60er Jahre geschwappt war, zu animieren. Also machten sich ein paar pfiffige DJ's mit alten Kähnen auf den Weg zur Nordsee, um von dort aus das britische Volk mit dem zu versorgen, wonach es verlangte: Rock'n Roll! Und sie spielten nicht nur Rock'n Roll, sie lebten ihn auch! Drogen, Sex, eine sanfte Form des Anarchismus und einfach jede Menge Spaß mit der Musik, der sie ihre Seele verschrieben hatten. All dessen wird der schüchterne Carl (Tom Sturrige) angesichtig, als er auf der Radio Rock ankommt, wo ihn Patenonkel Quentin (Bill Nighy, "Fluch der Karibik") in seine weltoffenen Arme nimmt. Quentin ist so etwas wie der Herbergsvater der Truppe, der über seine durchgeknallte Schar von DJ's wacht... oder es zumindest versucht. Mehr oder weniger angeführt wird der wilde Haufen vom amerikanischen DJ The Count (Philip Seymour Hoffman, "Charlie Wilsons War"), dessen Herz immer im Beat der Scheiben schlägt, die er gerade auflegt. Vermeintliche Konkurrenz um den Posten des Alphatiers bekommt er durch Gavin (Rhys Ifans, "Notting Hill"), einen legendären britischen DJ, der nach ein paar Jahren in der Versenkung auf der Radio Rock seine fulminante Wiederauferstehung feiert und soviel Sex in der Stimme hat, dass sogar die einzige Frau an Bord, Lesbe Felicity, feucht wird. Simon (Chris O'Dowd, "Hotel Very Welcome") sieht aus wie ein großer Golden Retriever und hat auch dessen sanft-tapsiges Gemüt. Angus (Rhys Darby, "Yes Man") ist nur witzig, wenn er auf Sendung ist, sonst nervt er alle immer irgendwie. Dr. Dave (Nick Frost, "Hot Fuzz"), hoch wie breit, hat dennoch einen unglaublichen Schlag bei Frauen, in Führung in der Beziehung geht jedoch DJ Midnight Mark (Tom Wisdom), der so gut wie nie spricht, aber dennoch einen ganzen Harem um sich zu scharen vermag. Ergänzt wird das Team durch den verklemmten Nachrichten- und Wettermann John, den unscheinbaren Harold und Crazy Kevin, der herrlich seltsame Sachen von sich gibt. Sie alle leben für Love, Drugs and Music, jeder in seiner eigenen "Frequenz". Konterkariert wird die Handlung um unsere DJ's vom verzweifelten Versuch Minister Dormandys (Kenneth Branagh, "Operation Walküre"), die Radio-Piraten zur Strecke zu bringen. Unterstützt wird er dabei vom so hinterhältig wie schleimigen Opportunisten Twatt (Jack Davenport, "Coupling"), dessen Stunde 1967 endlich geschlagen zu haben scheint.
Regisseur Richard Curtis, ein hervorragender Drehbuchautor ("Notting Hill", "Tatsächlich...Liebe", "Vier Hochzeiten und ein Todesfall") zeichnet auch hier für das Script verantwortlich. Geschaffen hat er einen herrlich bunten und verrückten Reigen einzigartiger Charaktere, deren Befindlichkeiten von einem lockeren Story-Konstrukt umgeben werden. Die satten 129 Min., die der Film dauert, vergehen so schnell wie ein richtig gutes Rock-Konzert und lassen einen mit einer Mischung aus Neid, guter Laune und der Sicherheit zurück, endlich mal wieder einen richtig gut gemachten Film gesehen zu haben. Die Dialoge sind witzig, die Handlung verrückt und kurzweilig, die Musik ein großartiges Potpourri, welches sich von den Rolling Stones bis hin zu Cat Stevens erstreckt und die Darsteller sind durch die Bank weg alle fantastisch. Der Film ist sicherlich leichte Kost und erhebt keine großen Ansprüche, aber das muss er auch gar nicht. Der rote Faden ist leicht auszumachen, in den ersten zwei Dritteln liegt er vorrangig auf Witz und Spaß, um sich dann im letzten Drittel gekonnt zum spannenden Finale zu schlängeln. Der Film hat es sich zur Maxime gemacht, gut zu unterhalten und das Zeitkolorit der damaligen Zeit authentisch einzufangen, mehr will er gar nicht. Und das gelingt ihm sehr überzeugend, das Zusehen macht einfach richtig Spaß.
Besonders hervorzuheben sind hier - neben der Musik - auf jeden Fall die Darsteller. Bill Nighy gibt einen herrlich süffisanten und ironischen Quentin ab, der über all dem Chaos und der Anarchie mit bewundernswerter Gelassenheit thront. Ob nun der plüschige Simon, der seine große Liebe sucht und nur vermeintlich findet oder der verschmitzte Dr. Dave, der trotz beachtlichen Körperumfangs eine nicht von der Hand zu weisende Anziehungskraft auf die ab und an das Boot besuchenden weiblichen Fans des Senders ausstrahlt, man schließt sie alle sofort ins Herz. Rhys Ifans, der in "Notting Hill" noch den trotteligen Mitbewohner von Hugh Grant gespielt hat, gibt hier herrlich überzeichnet den selbstverliebten und ultracoolen DJ mit dem sexy Timbre in der Stimme. Bei Crazy Kevin macht das Wenigste, was er sagt, Sinn, das aber konsequent. Und Philip Seymour Hofmann als The Count beweist einmal mehr, dass er ein verdammt guter Schauspieler ist, er ist so wandlungsfähig wie überzeugend. Nicht zu vergessen unsere Kämpfer für Recht, Moral und Ordnung in good old Britain. Jack Davenport als Twatt (was, mit einem "t" geschrieben, Trottel bedeutet) ist eigentlich viel zu gutaussehend, um so einen schmierigen Typen zu spielen, rein von der Optik mag man ihm den konservativen und klassikhörenden Regierungsbeamten nicht so ganz abnehmen. Ganz anders bei Kenneth Branagh, dem großartigen Regisseur und Darsteller vieler Shakespeare-Dramen. Er verleiht seinem Minister Dormandy sowohl optisch als auch sprachlich wahrhaft hitlereske Züge, ein so gewagtes wie gelungenes Unterfangen.
Auch hier möchte ich wieder dringend zur englischen Originalversion raten, man kann diesen herrlich britischen Slang einfach nicht adäquat übersetzen und verpasst sonst solch grandiose Wortschöpfungen wie die Steigerung von "wow": "wowser", ist doch klar! Wer an "Radio Rock Revolution" keinen Spaß hat, der sollte sich dringend den Stock aus dem Hintern operieren lassen, einen anderen Grund, sich von diesem Film nicht mitreißen und gut unterhalten zu lassen, gibt es meiner Ansicht nach nicht. Der Film bietet bestmögliche Kinounterhaltung, einen hervorragenden Soundtrack, skurrile und liebenswerte Charaktere und eine stimmige und kurzweilige Handlung. Anschließend Soundtrack kaufen und noch mal richtig abfeiern mit diesem Boat, that really rocked! Volle fünf von fünf Radiopiraten, die gekonnt entern, einnehmen und die Rock'n Roll-Flagge hissen... im Film und im Herzen des Zuschauers. Chapeau!