Wenn ein Buch die 9. Auflage erreicht, füllt es ganz offensichtlich eine Lücke aus. Aber er kann auch heißen, dass die Konkurrenz schläft. Und genau diesen Eindruck hatte ich nach der Lektüre. Denn würde ein Radiosender so trockene Beiträge ausstrahlen wie sie der Leser in diesem Buch findet, hätten die Verantwortlichen ein Problem. Bei den wenigsten Autoren spüre ich eine Begeisterung für das faszinierende Medium Radio. Sie wissen zwar viel und geben ihren Lesern auch unzählige Tipps und wertvolle Informationen, verfallen aber dabei in einen Ton, der ich von Vorlesungssälen gewohnt bin, in einem solchen Buch jedoch nicht antreffen möchte. Es erstaunte mich daher wenig, dass den Interessenten für Radio-Journalisten gleich im ersten Kapitel wärmstens empfohlen wird, zum Vorstellungsgespräch eine Kopie ihres Studienabschlusses mitzubringen. Dabei könnte man junge Talente doch auch mit dem Hinweis ermuntern, dass weder Günther Jauch, noch Stefan Raab mit einem Akademikertitel glänzen können. Wohin der Glaube führt, dass nur noch Supergebildete in Berufen tätig sein dürfen, in denen Kreativität, Spontaneität, geistige Beweglichkeit, Sinn für Skurriles, Liebe zu Leben und unersättliche Neugier zu den Voraussetzungen gehören, sehe ich in meiner Branche. Denn auch das Marketing und die Werbung leiden zunehmend unter dieser Zwangsinfiltration. Aber lassen wir das und kommen zum Inhalt.
Gegliedert sind die 460 Seiten in folgende Kapitel: Sprache und Sprechen - Beiträge und Darstellungsformen - Sendungen - Programme - Produktion - Beim Radio arbeiten - Crossmedial beim Radio arbeiten - Aus- und Fortbildung. Zum Schluss gibt es noch Angaben zu den Verfassern der Beiträge und ein ausführliches Register. Literaturhinweise sind manchmal am Ende eines Kapitels zu finden. Zudem gibt es auch immer wieder Hinweise auf die Website www.radio-journalismus.de, die allerdings noch asinnlicher ist als das Buch und weniger Hörbeispiele bietet, als ich erwartete. Wie die Kapitelüberschriften schon andeuten, geht es den Herausgebern darum, die Arbeit beim Hörfunk in allen Facetten zu zeigen. Das kann genau das sein, was ein Leser sucht, hat aber den Nachteil, dass sich selbst auf 460 Seiten nicht alle Details und Besonderheiten erfassen lassen. Wer sich zum Beispiel für Medienforschung interessiert, wird nach den dafür reservierten zwölf Seiten gerade mal knapp das 1x1 kennen. Und wer dieses Handbuch kauft, um als Moderator Erfolg zu haben, wird enttäuscht feststellen müssen, dass nach vierzig Seiten das nächste Kapitel aufgeschlagen wird und das Gebotene kaum reichen wird, um seinen Traumjob wirklich zu begreifen. Man muss einfach wissen, was man von einem All-in-One-Buch erwarten darf, deren Herausgeber mit Angaben zu anderen Buchtiteln sparen und Onlineinformationen sehr stiefmütterlich behandeln.
Begeisterte Anhänger dieses Longsellers könnten sich fragen, was einem Marketer und Werber das Recht gibt, an ihrer Bibel herumzumäkeln. Die Antwort ist einfach, weil ich mit Radio und Fernsehen zu tun habe. Genauer gesagt, weil ich Moderatoren dabei unterstütze, bessere Geschichten als ihre Konkurrenten aufzuführen. Doch dazu fand ich eigentlich nichts, was "meine" Moderatoren nicht auch schon wüssten. Das ist für mein Geschäft zwar gut, spricht aber nicht unbedingt für das Buch. Nicht weil das Stichwort Storytelling im Register fehlt, sondern weil auch unter anderen Begriffen wenig über die Kunst des Geschichtenerzählens steht. Warten wir also auf die zehnte Auflage. Oder auf Konkurrenten, die einen neuen Ansatz und eine neue Form wählen.
Mein Fazit: Wie bei einem Handbuch oft der Fall, wollen die Herausgeber ihr Publikum möglichst umfassend über ein bestimmtes Gebiet informieren. Im Zeitalter der Arbeitsteilung und Spezialisierung hat dieses Konzept den Nachteil, dass der Spezialist zu wenig und der allgemein Interessierte zu viel findet. Lösen ließe sich das Dilemma zum Beispiel, indem man ein solches Handbuch mit einer maßgeschneiderten Website verbindet, die nach einem modernen Informationsmanagement konzipiert, gestaltet und getextet ist. Das sähe dann ziemlich anders aus, als was wir auf der im Buch angegebenen Site vorfinden.