Wer sich in die Reihe Suhrkamp Wissenschaft verirrt, dem ist sprachlich und inhaltlich per se stärkerer Tobak zuzumuten. Und wer sich gezielt für die Philosophierichtung des Radikalen Konstruktivismus interessiert, scheint auch fortgeschritten zu sein im Nachdenken über die Dinge. Der Radikale Konstruktivismus gewinnt als Denkmodell an Boden, weil der moderne Mensch durch seinen explodierten Wahrnehmungshorizont immer deutlicher und häufiger auf unauflösbare Paradoxien der Realität stößt. Solche Paradoxien schüren das Interesse an Denkmodellen, die sich nicht auf eine einzige absolute Wirklichkeit oder Wahrheit verlassen, sondern viele, parallel existierende Möglichkeiten und Interpretationen von Realität zulassen ("Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden"). Was das für ideologisch oder religiös geprägte Lebenshaltungen bedeutet, inbesonders für alle fundamentalistischen, dürfte klar sein.
In Folge dieser Erkenntnis beginnen sich zunehmend Nichtphilosophen und Nichtwissenschaftler für die zentralen Gedanken bzw. Köpfe des Konstruktivismus zu interessieren - und von Glasersfeld ist neben Piaget und von Foerster einer von ihnen. Von Glasersfeld ist Wissenschaftler und seine Sprache akademisch. Dennoch bleibt er mit etwas Konzentration allgemein verständlich und deswegen lohnend - auch wenn man nicht unbedingt jeder Ausführung bis ins Details folgen oder gar zustimmen muss.
Mir persönlich hat dieses Buch eine wertvolle Vertiefung meiner Gedanken über die Wahrnehmung der Welt beschert. Um sich einer Philosophierichtung zugehörig zu fühlen, muss man weder ihre zentralen Köpfe noch deren Gedanken nennen können. Doch es beschleunigt die eigene gedankliche Entwicklung enorm, wenn dies zusätzlich der Fall ist...