ch bin Mitglied im Buchclub von MexxBooks und habe 'Radikal' gelesen.
Gleich vorweg möchte ich anmerken, dass es sich bei Radikal um ein sehr vielschichtiges Buch handelt. Themen wie Integration, Selbst- und Fremdbilder, Vorurteile, Islamismus und vor allem Identität spielen eine Rolle. Insbesondere durch die verschiedenen Hauptfiguren (und den verschiedenen Kontexten, aus denen sie kommen) ergibt sich ein komplexer und spannender Politthriller.
Zur Story: In Berlin sorgt Lutfi Latif, ein Mann mit ägyptischen Wurzeln und praktizierender Muslim, für Aufmerksamkeit. Obwohl Newcomer in der Politik, gelingt es ihm durch kluge Kommentare und sorgsames Abwägen seiner Handlungen immer wieder, den (scheinbaren) Widerspruch zwischen muslimischem Glauben und dem westlichen Wertesystem aufzubrechen. Schnell wird er zum Hoffnungsträger all derer, die gegen Fremdenfeindlichkeit antreten und dagegen kämpfen, dass nach dem 11. September 2011 jeder Muslim als radikaler Islamist abgestempelt wird. Als Latif beschließt, für die Grünen im Bundestag zu kandidieren, entsteht bei vielen Menschen die Hoffnung, dass Menschen wie er zu einer besseren Verständigung zwischen Christen und Muslimen beitragen kann und die Debatten um Islamismus und Terror entschärfen kann.
Von ihm tief beeindruckt ist auch die Studentin Sumaya al-Shami. Sie ist in Berlin aufgewachsen, doch ein Großteil ihrer Familie lebt nach wie vor in den palästinensischen Gebieten. Immer wieder wird in kurzen Einschüben von der Gewalt berichtet, die ihre Familie erlebt hat und wie Sumaya schon als Kind mitbekommen hat, wie hilflos ihr Vater war, der seiner eigenen Familie nicht helfen konnte.
Sumaya bewirbt sich als Mitarbeiterin von Lutfi Latif und bekommt die Stelle tatsächlich. Doch sehr schnell wird deutlich, dass seine Kandidatur nicht überall auf Begeisterung stößt. Stapelweise erhält er Todesdrohungen und auch im eigenen Freundeskreis erfährt Sumaya, dass Latif in einigen Kreisen als Verräter angesehen wird, der nicht für Verständigung, sondern Assimilation der Muslime eintritt. Doch Sumaya ist bereit, Latif so gut sie kann zu unterstützen. Und schnell steckt sie mitten drin im politischen Geschehen ' was bedeutet, vor allem dem Umgang mit den Medien. Die Drohbriefe an Latif gelangen an die Öffentlichkeit und die Redakteure des 'Globus' (scheint der BILD zu entsprechen) wittern eine große Story.
Doch obwohl die Drohungen Latif scheinbar wenig anhaben können, ahnt Sumaya, dass es den Schreibern sehr ernst ist'
Yassin Musharbash ist mit Radikal ein fesselnder Politthriller gelungen. Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der Vielschichtigkeit der Handlung wirkt die Story sehr realistisch. Da Musharbash hier ja auch ein hochaktuelles Thema aufgreift, kann man sich die Geschehnisse bildhaft vorstellen. Immer wieder fielen mir beim Lesen aktuelle Berichte zu den Themen Islam, Integration etc. sein.
Besonders durch die Hauptfigur Sumaya gelingt es Musharbash, ein Gefühl der Zerrissenheit zu vermitteln. Immer wieder wird deutlich, dass Sumaya, obwohl aufgewachsen in Berlin, sich nicht hundertprozentig zugehörig zur Gesellschaft fühlt. Zu groß ist das Unverständnis, das sie häufig gegenüber ihrer Kultur und ihrem Glauben spürt. Gleichzeitig gehört sie aber auch nicht zu ihrer Familie. Ihre Tante macht sich am Telefon über ihr gebrochenes Arabisch lustig und für die Familie ist Sumaya 'Die Deutsche'. So findet die Studentin sich oft nirgendwo wirklich zugehörig. Es sind Menschen wie Latif, in die Sumaya ihre Hoffnung setzt, einen Weg zu finden, beide Kulturen zu versöhnnen.
Ich empfehle jedem, dieses Buch - auch aufgrund des aktuellen Themas, zu lesen!
ChrisRueth für MexxBooks