Keith Jarrett ist ein begnadeter Pianist, ein großer Virtuose an den Tasten, ein Meister der Spielkunst. Dies sollte man sich auch dann vor Augen führen, wenn man zu einzelnen Passagen seiner freien Improvisationen (ebenfalls etwas, das man sich immer wieder vergegenwärtigen muss!) oder einzelnen Stücken keinen Zugang findet. Manchmal hilft mehrmaliges Hören, um etwa versteckte Motive oder besonders herausragende Linien zu entdecken, manchmal bleiben einem aber einzelne Stücke tatsächlich verschlossen. Mir geht das so bei "Radiance", der ersten Veröffentlichung eines Solo-Live-Konzerts nach seiner Erkrankung.
"Radiance" beinhaltet zwei Mitschnitte von Konzerten aus Osaka und Tokyo vom Oktober 2002 und leitet die Phase ein, in der Jarrett im Gegensatz zu den 30- bis 45-Minuten-Langnummern früherer Jahre eher kürzere Stücke spielt. Teilweise scheint sowohl dem Publikum wie auch Jarrett selbst nicht immer ganz klar zu sein, wann ein einzelnes Stück tatsächlich zu Ende ist. Entweder applaudiert das höfliche japanische Publikum vorsichtshalber nicht, obwohl der Meister zu einem Ende gekommen ist, und er beginnt schon das nächste Stück, oder das Publikum, etwas "mutiger" geworden, beginnt zu klatschen, obwohl Jarrett eigentlich noch weiterspielen wollte an dieser Nummer und nur eine kleine Pause entstanden ist. Auf der DVD "Tokyo Solo", das das gleiche Tokyoter Konzert vom 30. Oktober 2002 zeigt, wovon vier Titel auf "Radiance" enthalten sind, kann man das einmal beobachten: Jarrett will grade wieder zum Spiel ansetzen, da unterbricht ihn Applaus und er winkt amüsiert ab. Diese "Unsicherheit" entwickelt sich später, bis "Rio" von 2011, dahingehend, dass mehr und mehr die fragmentarisch wirkenden Nummern durch liedartige Stücke ersetzt werden.
"Radiance" enthält in den 17 Tracks zahlreiche "sperrige" Titel, zu denen ich, wie erwähnt, auch nach oftmaligem Hören nur schwer einen Zugang finde. Aber Jarrett versteht es immer, mit einigen sagenhaft schönen Stücken auch die größte Irritation über sein Spiel zu besänftigen. Die Parts 3, 6, 8 und 12, mit Einschränkungen auch die Parts 9 und 13 aus dem Osaka-Konzert sowie die Parts 15 und 16 aus dem Tokyoter Konzert sind großes Klavier-Kino. Der Höhepunkt am Schluss: Überaus wuchtig, treibend, brodelnd bis zu einem Übergang in einen groovigen Blues ist Part 17, mit dem "Radiance" viersternewürdig endet.