Mit erotischen Gesten garniert
Stefan Heyms Roman «Radek»
Karl Radek ist eine der schillerndsten Figuren der sowjetischen Geschichte in den Jahren zwischen der Oktoberrevolution und den Stalinschen Säuberungen in der zweiten Hälfte der dreissiger Jahre. Er gehörte zu der berühmt-berüchtigten Reisegesellschaft, die 1917 von der Schweiz aus im plombierten Zug quer durch Deutschland Richtung Russland fuhr, um dort den Umsturz herbeizuführen, er verhandelte an der Seite Trotzkis in Brest-Litowsk mit den Deutschen über den Waffenstillstand; er versuchte dann zweimal vergeblich in Deutschland die Revolution zu inszenieren, büsste für den Fehlschlag von 1923 mit dem Ausschluss aus dem Zentralkomitee der KPdSU, wurde 1927 wegen seiner Sympathien für Trotzki gar aus der Partei selber ausgeschlossen, war eine Zeitlang in hinteruralischer Verbannung, durfte dann wieder nach Moskau zurückkehren, bei der «Iswestija» mitarbeiten und fiel dann bei Stalin endgültig in Ungnade.
In einem finsteren Schauprozess des Jahres 1937 gegen insgesamt 17 Angeklagte (der mit 13 Todesurteilen endete und von dem Lion Feuchtwanger in seinem «Reisebericht für meine Freunde» ein makaber stalingläubiges Zeugnis ablegte) kam Radek mit 10 Jahren Haft davon, dürfte aber im Jahr 1939 liquidiert worden sein. Näheres ist darüber bisher nicht bekannt.
Lange Verfemung
Als typisches Opfer des Stalinschen Terrors war Radek in der DDR wie in den anderen Ländern des Ostblocks ein halbes Jahrhundert lang nach seinem Tod eine «Unperson». Erst 1988 wurde er in der Sowjetunion unter Gorbatschew rehabilitiert. Die lange Verfemung wie das Schwanken seines Bildes in der Geschichte machte ihn zum nahezu idealen Gegenstand für einen Autor wie Stefan Heym, der sich von gemischten Charakteren, halb Täter, halb Opfer, angezogen fühlte.
Darüber hinaus sieht Heym in Radek offenbar eine hochsymbolische Figur, an der sich das Scheitern des Sozialismus von Moskauer Prägung zeigen lässt. Angeblich hat der Autor lange recherchiert (wenn auch offenbar und leider nicht in den Moskauer Archiven), und wenn er das Buch nun fünfeinhalb Jahre nach dem Ende des «real existierenden Sozialismus» auf deutschem Boden vorlegt, dann beabsichtigt er offenbar auch, die Diskussion über den «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» neu zu entfachten.
Das Genre, das ihm zum Vehikel dient, ist das des historischen Romans, das ja ein Lieblingskind des vorigen Jahrhunderts war und das er in seinem langen Leben immer wieder bedient hat, ging es nun um Jahrtausende entfernte Vergangenheit wie im «König David Bericht», um Vorgänge, die ein paar hundert Jahre zurücklagen wie bei Defoe («Die Schmähschrift») oder um Prozesse der jüngeren Vergangenheit («Schwarzenberg», «Fünf Tage im Juni»).
Der historische Roman ist wie seine Verwandte, die «Biographie romancée», ein Zwitter. Er transportiert wie die Historiographie im engeren Sinne geschichtliche Wirklichkeit, mengt sie aber fortwährend mit der Subjektivität des heutigen Autors. Überall, wo Dokumente nicht vorliegen oder nur mühsam zu beschaffen wären, springt die Phantasie (um nicht zu sagen: die belletristische Willkür) des Romanciers ein und schafft ein Mixtum compositum, in dem Unterrichtung und Irreführung der Leser oft ununterscheidbar miteinander verquickt sind.
Dies kennzeichnet auch Heyms «Radek», und es dürfte die Orientierungsschwierigkeiten selbst des halbwegs kundigen Publikums noch verschärfen, dass in Radeks Lebenslauf mitunter die phantastischsten und geradezu «fabelhaft» anmutenden Details der Wirklichkeit entsprechen.
So ist es völlig korrekt, wenn Heym die Berliner Haft Radeks nach der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts als fideles Gefängnis beschreibt, als eine Art Salon, in dem er als der Exponent der russischen Revolution mit deutschen Granden debattierte, wie beispielsweise mit dem Grossindustriellen Rathenau, der während des Ersten Weltkriegs die deutsche Rohstoffwirtschaft leitete und 1922 als Aussenminister mit den Sowjets den Vertrag von Rapallo schloss. (Es gehört zu den makabren und von Heym nicht erwähnten Einzelheiten in Rathenaus Lebenslauf, dass ihm seine Mörder nachsagten, er sei nicht nur ein Anhänger des «schleichenden Bolschewismus», sondern habe sogar seine Schwester an Radek verheiratet.)
Richtig ist auch, dass Radek damals von der jungen Kommunistin Ruth Fischer besucht wurde, und es ist aufschlussreich zu studieren, wie sie als Augenzeugin das Schmuggeln eines Kassibers schildert und wie der Nachempfinder Heym. Ruth Fischer schreibt: «Bei der geringen Aufsicht, die die Besucher Radeks bei der Gefängnisverwaltung zu ertragen hatten, war es mir ein leichtes, den Brief zusammengerollt in meinem Ärmel aus dem Gefängnis herauszubringen.»
Phallische Symbole
Heym schildert die Szene so: «Dann trat er dicht vor sie hin, nahm ihre Hand und schloss ihre Finger, einen nach dem anderen, um das Papierröllchen. Wenn ich Sie recht schön bäte . . .? Man wird Ihren verlockenden Leib doch nicht visitieren . . .? Sie schüttelte den Kopf, ihre dunklen Locken tanzten. Dann öffnete sie die Bluse. Radek spürte, wie ihm die Zunge trocken wurde. Die Partei wird es Ihnen danken, sagte er heiser.» Die Szene wird, charakteristisch für Heyms epische Technik, sexuell aufgeladen, mit phallischen Symbolen ausgestattet und mit erotischen Gesten garniert. Ruth Fischer hatte damals kurzes, glattes Haar, da konnten schwerlich «dunkle Locken tanzen».
Das Vertrauen, das Heym mit Schilderungen schafft, die der Überprüfung standhalten, setzt er freilich aufs Spiel in Passagen, die er mit derselben Sicherheit erzählt, obwohl er keinerlei Dokumente zur Hand hat, geschweige denn Beweise. Man denke nur an die zahlreichen Dialoge mit Stalin, die ja für viele Betroffene schicksalhaft waren, ein Wort konnte über Leben oder Tod entscheiden. Mutmassung, wo sie als solche nicht gekennzeichnet ist, geht da leicht in Anmassung über. Nicht umsonst hat Heym doch im «König David Bericht» gezeigt, wie fraglich die anscheinend unumstösslichen geschichtlichen Tatsachen sind!
So viel verifizierbares Material Heym auf diesen fast 600 Seiten zusammengetragen hat, er hat sich reichlich spät auf die Tugend des Nichtwissens besonnen und erst ganz zum Schluss statt der gewohnten Apodiktik einen Fächer von Möglichkeiten gezeigt nämlich im letzten Absatz des Buches: «Keiner weiss, wer ihn ermordet hat, und wann, und in welchem Lager, und in wessen Auftrag. Nur ich, der ich ihn besser kennengelernt habe als die meisten, kann berichten, dass er im Moment seines Todes die Stimme seiner Mutter hörte. Lolek, Lieber, rief sie, komm zu mir. Bei mir bist du geborgen. Oder es war die Stimme Larissas gewesen. Oder auch die seiner Frau Rosa. Und er ging zu ihr.» Dieser eindrucksvolle Passus, der die Kolportage hinter sich lässt, hätte ein plausibles Modell für die Lebensgeschichte des Karl Radek sein können.
Karl Corino