Wenn ich die Musik dieses Albums mit körperlicher Aktivität vergleichen müsste, dann wäre das wie robben durch Dreck, Schlamm und Schafs-Aa. Was der Captain und die neu formierte Magic Band hier abziehen, ist ein Meisterwerk monumentaler Größe, dass sich den meisten Menschen jedoch nie erschließen wird. Zu hart, zu schwer, zu zerrissen, zu zerfahren ist diese Musik. -Und trotzdem leuchtet bei jedem dieser Takes, ganz weit hinten, ein magisches Licht, das über den ganzen, vermeintlichen Misstönen strahlt und dem Hörer immer dann, wenn er entnervt den Kopfhörer beiseite legen möchte, in eine Art Magie hüllt und ihn genau deshalb weiterhören lässt.
Man kann bei diesem Werk keinen Musiktitel hervorheben. Allen liegt diese verquere Magie zu Grunde. Manchmal, wie bei 'Hot Head', 'A Carrot Is As Close...', 'Sue Egypt' und 'Flavor Bud living' wirken die Takes ein wenig eingängiger. Sie bilden kleine Inseln der Ruhe, zwischen den zerfahrenen, mit brachialer Gewalt hereinbrechenden 'musikalischen Monstern' wie 'Sheriff Of Hong Kong', 'Best Batch Yet' oder 'Dirty Blue Gene' (was für ein Wortspiel!).
Was zunächst ebenfalls über die schwierige Musik hinweg hilft, sind die außergewöhnlich lyrischen, teils dadaistischen Texte des Captains, die auf keinem seiner Alben so zu tragen kommen wie auf diesem.
'God please, fuck my mind for good
making love to a vampire with a monkey on my knee
oh fuck that thing, fuck that poem...'
Dass unterscheidet 'Doc At The Radar Station' auch deutlich von der noch zerfahrener wirkenden 'Trout Mask Replika'. Man kann diese beiden Scheiben auch nicht miteinander vergleichen, denn bei der 'Doc At The Radar Station' spielen, vom irren 'Telephone' vielleicht abgesehen, keine freien Musikformen oder FreeJazz-Elemente ein. Grundmuster von Van Vliets Musik ist und bleibt der Blues. Darauf bauen er und die Magic Band einen wirren, wie aus verschiedenen Puzzlestücken zusammengesetzten Soundteppich auf, der, wie schon gesagt, manchmal etwas eingängiger, meist aber voller scheinbarer Misstöne zu sein scheint. Es scheint aber nur so, denn dieser Sound ist bis ins kleinste Detail arrangiert und dermaßen komplex ausgefeilt, dass man, hat man sich erst einmal in dieses Album hineingehört, vor Staunen den Mund nicht mehr zu bekommt. Da tauchen dann auf einmal Riffs auf ('Sheriff Of Hong Kong'), die den Hörer regelrecht bannen. -Fantastisch!
Mit 'Doch At The Radar Station' hat sich der Captain nocheinmal selbst übertroffen. Trotzdem kann ich dem normalen Musikkonsumenten (falls er sich hierher verirrt) nur raten, die Finger von dieser Scheibe zu lassen. Sie hinterlässt bei unbelasteten Menschen eine tiefe Verstörtheit, die sie dann unter Umständen nie mehr verlieren und nur noch mit Vorurteilen an weitere CDs des Captains denken lässt. Nein, wer sich unbelastet zutraut auf die Musik des Captains einzugehen, der ist mit der 'Unconditionally Guaranteed' wirklich besser bedient.
Wer sich aber gerne mit etwas schwierigerer Musik auseinander setzt, wer vielleicht schon die 'Mirror Man', 'Clear Spot/The Spotlight Kid' oder 'Shiny Beast (Bat Chain Puller)' sein eigen nennt, der kann sich auch an dieses Meisterwerk trauen.
Zeit sich hineinzuhören, sozusagen darin durch Dreck und Schlamm zu robben, ist genug. Der Captain wird keine Musik mehr aufnehmen. Er hat sich schon vor vielen Jahren davon losgesagt. Eigentlich schade, aber man muss das respektieren. Heute lebt er, immer mehr zurückgezogen, in einer kleinen Siedlung der Mojawe-Wüste. Er ist, übrigens seit seinem Kunststudium in den 1960ern, ein begnadeter Maler, dessen Bilder auch heute noch immer das ausdrücken, was er auch durch seine Musik auszudrücken versuchte.
-Ich zolle diesem Menschen meinen höchsten Respekt!