1093 km Deutschland
Von Burgdorf bei Hannover per Fahrrad in zwölf Tagen an den Bodensee
Noch Hessen oder schon wieder Thüringen? Wer den Werratalradweg fährt, wird sich diese Frage häufiger stellen, denn von der ehemaligen innerdeutschen Grenze ist entlang dieses lange Jahre teilenden Flusses kaum noch etwas zu sehen. Und der Radweg präsentiert sich heute in einem so hervorragenden Zustand, dass man jedem nur raten kann, ihn in seine Planung aufzunehmen, ehe ihn die Masse entdeckt.
Das haben auch die Mitglieder der ADFC-Ortsgruppe Burgdorf/Uetze getan, als sie ihre Nord-Süd-Tour von Burgdorf bei Hannover zum Bodensee geplant haben. Drei Burgdorfer und zwei Lehrter brachen am 15. Juni 2002 zu der zwölftägigen Radreise auf. Auf dem Leineradweg ging es am ersten Tag bis Freden. Am Sonntag standen die ersten Bergetappen an; und zwischen Northeim und Göttingen musste erstmals (und und letztmals) die Regenbekleidung angezogen werden. Die Sieben Berge und das Naturschutzgebiet beim Rückhaltebecken Salzderhelden werden als landschaftliche Glanzlichter der Leine gut in Erinnerung bleiben.
Der Bammel vor dem "Leine-Werra-Sprung" erwies sich als unbegründet. Der Anstieg nach Eichenberg war leichter bezwingbar als befürchtet, so dass alle die rasante Abfahrt in die im Werratal gelegene Kirschensadt Witzenhausen richtig genießen konnten. Ein Abstecher nach Eisenach ist natürlich Pflicht, ehe es sich ab Hörschel, dem Tor zum Rennsteig, wieder leichter durchs idyllische Werratal mit seinen schmucken Fachwerkstädtchen, seinen zahlreichen, oft frisch restaurierten Schlössern und Burgen rollt. Bad Sooden-Allendorf gehört dabei zu den absoluten Höhepunkten.
Nagelneue Radwege, zum Teil auf ehemaligen Bahntrassen und oft im Schatten bewaldeter Ufer, erlauben zügiges und angenehmes Fortkommen. Die Beschilderung des Werraradweges ist bis auf wenige Stellen vorbildlich. Über Bad Salzungen geht die Tour nach Breitungen, wo die Betten in einem uralten Gasthof mit sehenswertem Saal gebucht sind.
Meiningen, die thüringische Theaterstadt mit ihrem bekannten Dampflokausbesserungswerk, lohnt ein längeres Verweilen, ehe die Gruppe Hildburghausen ansteuert, wo Joseph Meyer (1796-1856) im Jahre 1840 in seinem Bibliographischen Institut mit der Herausgabe seines 52bändigen Lexikons begann. Vom liebevoll eingerichteten Türmerstübchen-Museum im Rathaus hat man einen herrlichen Rundblick auf den rechteckig angelegten Marktplatz und über die Dächer der alten Stadt. Hildburghausen ist ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge in den nahen Thüringer Wald, nach Eisfeld, Sonneberg oder in die Glasbläserstadt Lauscha.
Vorbei an Henfstädt und seinem schön anzusehenden Wehr erreichen wir Themar mit seinen anmutigen Häusern im hennebergisch-fränkischen Stil. Der Name Henneberg wird uns noch des öfteren begegnen. Und dann entdecken wir an einem Haus eine für uns Radfahrer ganz besondere Inschrift: In Themar hat der Heimatdichter und Tüftler Heinrich Mylius im Jahre 1848 das Tretkurbelfahrrad erfunden.
Wie oft in den thüringischen Orten und auch in den ehemaligen Grenzorten der Bundesrepublik herrscht hier eine besonders hohe Arbeitslosigkeit. In persönlichen Gesprächen, beim Bäcker oder auf dem Marktplatz, erfahren wir einiges von der Befindlichkeit der Menschen. Viele hat der Mut verlassen und sie planen, "nach Westdeutschland" umzuziehen. "Wir haben schon viel zu lange gewartet", klagt eine Frau, deren Mann seit 13 Jahren in Bamberg arbeit. Nun soll das eigene Haus am Werraufer verkauft werden. Nur: Einen Käufer zu einem angemessenen Preis zu finden, ist kaum möglich.
Es wäre schön, wenn dieser Beitrag dazu beiträgt, mehr Besucher in diese herrliche Landschaft zu bringen. Wer den Werratalradweg noch nicht gefahren ist, sollte dies JETZT tun und die freundlichen Menschen und idyllischen Städte und Dörfer kennen lernen, so lange der Massentourismus dort noch nicht eingezogen ist.
Wer genügend Zeit hat, radelt über Coburg nach Bamberg und von dort entlang des Main-Donau-Kanals in die malerische Kleinstadt Hilpoltstein. Dort ist bereits der Weg zum Altmühltal mit seinen Burgen und Felsen, mit seiner prägenden Wacholderheide und den Zeugen römisch-germanischer Geschichte ausgeschildert. Nach der Übernachtung in der Katholiken-Hochburg Eichstätt radeln wir entlang der Altmühl bis Dollnstein, wo wir ins Donau-Urstromtal einbiegen und in Rennertshofen die Donau erreichen. Über Donauwörth führt die Tour nach Ulm, von dort entlang der Iller über Aichstetten ins Allgäu.
Der zwölfte und letzte Tag dieser über 1000 km langen Tour bringt noch einmal einen Höhepunkt: die zwar anstrengende, aber unheimlich beeindruckende Berg-und-Tal-Fahrt durchs herrliche Allgäu und den Besuch Wangens. Auf dem Donau-Bodensee-Radweg rollt es sich dann viel zu zügig hinunter zum Schwäbischen Meer. Eine fantastische, abwechslungsreiche Tour durch Deutschlands Geschichte und Gegenwart endet in Langenargen, wo wir in einem Biergarten am Bodensee-Ufer unsere Ankunft feiern.
Über die gesamte Tour hat der Journalist Dieter Hurcks (53) ein reich bebildertes und mit vielen nützlichen Informationen angereichertes Buch verfasst, das jetzt über den Buchhandel zu beziehen ist.
Kommen Sie mit auf Tour! Radeln Sie mit dem Autor gemeinsam von Burgdorf bei Hannover entlang der Leine, anschließend durchs Tal des ehemaligen deutsch-deutschen Grenzflusses Werra und des Mains, am Ufer des Main-Donau-Kanals weiter süd- wärts, dann durchs idyllische Altrnühltal und im Ur- stromtal zur Donau. Dort geht die Fahrt bis Ulm, weiter entlang der Iller und durchs Allgäu zum Bodensee.
Fast 1100 Kilometer in zwölf Tagen - und jeden Tag an- dere Erlebnisse, Begegnungen mit überwiegend netten Menschen und einer herrlichen Natur. Erleben Sie die schönen Seiten Deutschlands vom Sattel aus. Eine echte Tour für Genießer. Radeln Sie mit!
Im Anhang: Tipps für Tourenrecherche, Karten und Bücher, Fahrrad und Kleidung, Packplan u.v.m.