Wenigen Filmen gelingt es, dass der Zuschauer so sehr von dem Dargestellten absorbiert wird, dass er vergisst, einen Film zu sehen. Es gibt Filme, die so real wirken, dass man sich selbst vergisst und eins mit den Charakteren wird. Diese Leistung erbringt Jonathan Demme mit seinem stärksten Film seit Jahren, "Rachels Hochzeit" (OT: Rachel Getting Married).
Jonathan Demme gehört immer noch zu den profiliertesten Filmemachern Amerikas, doch es waren zweifelsohne die 90er, die seine Blütezeit darstellten. Zu dieser Zeit lieferte er zwei Meilensteine der Filmgeschichte, "Das Schweigen der Lämmer" (1991) und "Philadelphia" (1993), wobei ihm der erstere einen Oscar als bester Regisseur einbrachte. Jedoch hatte Demme in der Folgezeit auch einige Flops zu verbuchen, u.a. das fehlgeleitete Remake des Grant/Hepburn-Klassikers "Charade", "Die Wahrheit über Charlie". In den letzten Jahren spezialisierte er sich dann erfolgreich größtenteils auf Dokumentar- und Konzertfilme, bis er auf einen großartigen Stoff stieß, nämlich das Drehbuch zu "Rachels Hochzeit", geschrieben von Jenny Lumet, Tochter der Regielegende Sidney Lumet.
Es entstand ein faszinierend intimes Familiendrama, bei dem der Fokus nicht auf dem Plot liegt, sondern auf neurotischen und komplexen Charakteren und konfliktgeladene Situationen innerhalb einer dysfunktionalen Familie. Stilistisch ist der Film eine Symbiose von Demmes so unterschiedlichen Spielfilmen und seinen Dokumentarfilmen.
Der Film handelt von Kym (Anne Hathaway), einer jungen Frau, die schon seit ihrer Jugend mit schweren Suchtproblemen zu kämpfen hat und sich dadurch von ihrer Familie entfremdet hat. Kym, die sozusagen das schwarze Schaf ihrer Familie ist, kommt für ein paar Tage aus ihrer Entzugsklinik, um den Hochzeitsfeierlichkeiten ihrer Schwester Rachel (Rosemary DeWitt) beizuwohnen. Durch ihre Anwesenheit entwickeln sich jede Menge Konfliktsituationen zwischen den Familienmitgliedern, bei denen sich lang angestaute Spannungen entladen.
Demmes Film wirkt ungeheur rauh, schmerzhaft ehrlich, direkt und oft improvisiert. Es wird durchweg mit Handkameras gefilmt, wodurch der Film eine gewissermaßen amateurhafte Optik erhält. Das wirkt zunächst leicht befremdlich, doch diese "Cinéma Verité" Inszenierungsweise führt dazu, dass man sich als Zuschauer ungemein involviert fühlt. Die Charaktere wirken faszinierend echt und realistisch, man beobachtet einfach, fühlt sich praktisch wie die sprichwörtliche Fliege and der Wand. Demme hat auf dem Set versucht, eine familiäre Atmosphäre zu erzeugen, indem er die Akteure einfach agieren und die Kameras laufen ließ. Dies überträgt sich tatsächlich auf den finalen Film, der in etwa so wirkt, als verfolge jemand das Geschehen ganz spontan mit einer Kamera. Wir erfahren nach und nach mehr von den enorm vielschichtigen Charakteren, erhalten ein Verständnis für ihre Motivationen.
Es wird auch nicht versucht, die so fehlerhafte Hauptfigur Kym sympathisch zu machen, sie ist einfach so, wie sie ist. Wir erhalten jedoch im Verlauf des Films ein tiefergehendes Verständnis und fühlen uns am Ende praktisch wie ein kleiner Teil der Familie.
Ein Riesenlob geht an das Ensemble, die aus "Rachels Hochzeit" ein wirklich ganz besonderes Erlebnis machen. Man kriegt das Gefühl, reale Charakteren bei realen Situationen zu beobachten, so intensiv spielen die Akteure. Diese Direktheit, die an die Filme der Dogma-Bewegung erinnert, ist die große Faszination des Films, die ihn zu einem der Highlights des Jahres 2008 macht.
Anne Hathaway ist in der Rolle der Kym eine absolute Offenbarung. Ohne Zweifel handelt es sich hierbei um die Rolle ihres Lebens, mit der sie endgültig ihrem Teeniefilm-Image den Rücken kehrt und ihren Status als eine der begabtesten Jungdarstellerinnen zementiert. Sie spielt grandios, ihre Emotionen kommen so echt rüber, dass es einem die Sprache verschlägt. In einer Rolle, die viel von einer Schauspielerin abverlangt, ist sie in keiner Sekunde unglaubwürdig und wurde hochverdient für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert.
Doch auch ihre Kollegen/-innen brillieren in ihren nuancierten, koplexen Rollen. Der leider wenig gesehene Bill Irwin begeistert als geschiedener Familienvater, der versucht die Reste seine Familie zusammenzuhalten und für alle das Beste will. Es ist eine berührende und aufrichtige Darstellung, die mehr Aufmerksamkeit verdient. Auch Rosemary DeWitt brilliert in der Rolle der Rachel, die der Performance Hathaways in nichts nach steht. Einen interessanten Auftritt liefert auch Debra Winger als Kyms und Rachels Mutter.
"Rachels Hochzeit" ist ein anspruchsvolles Drama, das definitiv nicht für jeden geeignet ist. Die Erzählweise ist ganz klar auf die Charaktere fokussiert, es passiert so gesehen nicht viel. Somit fordert der Film einiges von dem aufgeschlossenen Zuschauer, doch wenn man sich darauf einlässt, wird man mit einem großartig gespieltem, bewegendem kleinen Juwel belohnt.