Von Marian Keyes hatte ich vor "Rachel im Wunderland" bereits "Sushi für Anfänger" und "Auszeit für Engel" gelesen. Ich bin zwar von beiden immer noch begeistert, aber "Rachel im Wunderland" konnte ich noch weniger aus der Hand legen. Marian Keyes ist es gelungen, ein schwieriges Thema aufrüttelnd und dennoch unterhaltsam zu gestalten.
Die Protagonistin Rachel lebt in New York. Nach eigenen Aussagen nimmt sie hin und wieder ein bißchen Kokain, Valium, Alkohol und andere Suchtmittel zu sich. In ihren Augen völlig normal, die anderen machen es ja schließlich auch und wer nicht mitzieht ist eben ein Spielverderber. Sie hat ja alles unter Kontrolle...
Dieser Ansicht sind ihr Freund und ihre Mitbewohnerin aber nicht. Nach einer Nacht im Krankenhaus, wo ihr nach übermäßigem Drogenkonsum der Magen ausgepumpt werden musste, sind sie sich einig: Mit Rachel kann es so nicht weitergehen.
Wenig später sitzt Rachel auch schon in einem Flugzeug zu ihrer irischen Familie. In Irland soll sie in eine Entzugsklinik kommen. Kein Problem, denkt Rachel sich, in froher Erwartung auf Wellnessbereiche mit Schlammpackungen. Aber weit gefehlt. Rachel findet sich in einem renovierungsbedürftigen Kloster wieder, als einzige "Normale" umgeben von lauter Süchtigen. Aber ist Rachel wirklich so anders?
Das Buch hat mir vor allem so gut gefallen, weil sich der Leser jederzeit im Kopf der Protagonistin befindet. Während ihrer Leugnungsphase, in der der Leser auch noch nicht ihre komplette Vergangenheit kennt, ist man fast versucht zu fragen, ob Rachel sich nicht wirklich von den anderen unterscheidet. Klar, sie nimmt ein bißchen viel ein, aber ist sie schon so ein seelisches Wrack wie die anderen Insassen auch? Abgesehen von ihrem Suchtverhalten klingt sie doch ganz vernünftig.
Ich muss zugeben, manchmal wäre ich ihr als Nicht-Therapeut auch auf den Leim gegangen. Auf jeden Fall kann man sich gut mit der Frage auseinandersetzen, ab wann ein Mensch eigentlich merkt, dass er abhängig ist. Als Nicht-Süchtiger hört sich das ziemlich einfach an. Klar muss die wissen, dass sie süchtig ist, ihre ganzen Gedanken kreisen doch nur noch um den Stoff. Dann sollte man vielleicht aber daran denken, wie schwer es allein ist, sich z.B. das Nagelkauen oder Schokoladeessen in Stresssituationen abzugwöhnen, wie die Hände zittern, wenn man sich es verbietet. Und hier besteht keine physische Abhängigkeit. Kommt man da auf die Idee, dass es sich um eine Art Suchtverhalten handelt? Da denkt man sich doch auch: Ach, wenn ich es nur wollte, dann könnte ich jederzeit damit aufhören. Daher kann ich auch nicht mit meiner "Vor-Rezensentin" übereinstimmen, dass die Hauptperson mit ihrer langen Leugnungsphase nervt. Wäre doch etwas zu sehr "Friede-Freude-Eierkuchen" wenn Rachel nach einer innigen Rede der Therapeutin ein Licht aufgehen und sie in ein erfülltes Leben stolpern würde. Außerdem lassen die Einschübe aus Rachels Vergangenheit das Buch an keiner Stelle langweilig werden. Ich kann es nur empfehlen, daher fünf Sterne!