Mit "Rabenzauber" verlegt Heyne einen fast tausend Seiten starken Wälzer, der zwei jeweils in sich abgeschlossene Romane von Patricia Briggs in sich vereint, die beide von Seraph und ihrer Familie und den Clans der Reisenden erzählen. Überraschend ist, dass es sich trotz dieser Sammelausgabe um die deutsche Erstveröffentlichung von "Raven's Shadow" und "Raven's Strike" handelt. Ein Konzept übrigens, das der Verlag bereits ein Jahr zuvor beim Roman "Drachenzauber" verwendet hat, der von der gleichen Autorin stammt.
Obwohl beide Einzelbände von "Rabenzauber" für sich stehen können, ist es erfreulich, dass Heyne sich für eine Gesamtausgabe entschieden hat, da im ersten Teil nicht alle Handlungsstränge aufgelöst werden, sondern über weite Strecken des zweiten Teils eine wichtige Rolle spielen.
Ähnlich wie die kanadische Schriftstellerin Tanya Huff ist Patricia Briggs vor allem für ihre Mystery-Romane ("Ruf des Mondes" und andere) bekannt, schreibt jedoch auch lupenreine Fantasy.
Wie bereits bei "Drachenzauber" merkt man schnell, dass Briggs vor allem ein Händchen für ausgefeilte Charaktere hat. Nicht nur Seraph und ihre Familie, sondern auch die Nebenfiguren (vom jungen Kaiser Phoran bis hin zur geheimnisvollen ehemaligen Sklavin Hennea) wirken lebendig und agieren glaubwürdig. Da ist es nicht allzu schlimm, dass sich die Antagonisten zum Schluss beider Bände recht einfach besiegen lassen, denn darum geht es in "Rabenzauber" gar nicht.
Im Zentrum des Geschehens stehen Figuren, die trotz aller Magie und Gesellschaftsschichten Menschen wie du und ich sein könnten, die versuchen, ihren eigenen Weg im Leben zu finden, und die auch mal Entscheidungen treffen dürfen, die sich hinterher als falsch erweisen. Einen großen Teil nehmen das Leben und die nach und nach aufgedeckte Geschichte der Clans der "Reisenden" ein, für die sich Briggs offensichtlich von den irdischen Zigeunern hat inspirieren lassen. Das bietet willkommene Abwechslung zu all jenen Fantasy-Epen, deren zentrale Figuren Magier, Ritter oder andere Mitglieder der Adelsschicht sind. Zwar gibt es die eine oder andere überflüssige Szene, Seraph und ihre Kinder sind jedoch so sympathisch, dass man das der Autorin gern durchgehen lässt.
Mit "Rabenzauber" bekommt man auf jeden Fall viel Lektüre zu einem annehmbaren Preis, die sich vor allem an jene Leser richtet, die etwas für charakterorientierte Fantasy übrig haben und ein paar kleine Ausschweifungen hier und da in der Handlung verzeihen.