Bei der Durchsicht, der vorgeschlagenen Buchtitel für den diesjährigen Deutschen Buchpreis 2010, ist wohl an Peter Wawerzinek nicht vorbeizukommen. Nach all den anderen Titeln, die ich naserümpfend wieder in meiner Buchhandlung zurücklege, scheint "Rabenliebe" das Zeug zu haben, es ganz nach vorne zu bringen. Wofür so ein Buchpreis gut sein soll, darüber kann man sich sicher streiten. Die einen katapultiert es in die Bestseller-Listen, die anderen werden schon nach kurzer Zeit als Eintagsfliegen vergessen sein. Peter Wawerzinek hat es immerhin bis zum Ingeborg Bachmann Preis und Publikumspreis 2010 geschafft. Der Autor erzählt in seinem neuen Roman, die erschütternde Geschichte seiner Kindheit in einem Waisenhaus der ehemaligen DDR, wo ihn seine Eltern zurückgelassen haben, um in den Westen zu flüchten.
Schon nach wenigen Seiten, spürt man, das Peter Wawerzinek etwas zu sagen hat. Vor allem die Sprache ist es, die einem mit voller Wucht entgegen kommt. Sie ist schockierend, brutal, dicht gedrängt geschrieben, gewaltig, unglaublich, anspruchsvoll, konzentriert, atemlos, beklemmend, traurig, unfassbar, sehnsüchtig, und dann spürt vor allem eines, nämlich dass es weh tut. Wie von einer ganz tiefen Kinderseele erzählt, bekommt man beizeiten ein wenig kalt und fröstelt, werden mitgenommen in einen überbordenden Gedankenstrudel, unglaubliche Gedanken und Formulierungen, die man erst einmal ankommen lassen muss. Ein Autor, der der Sprachlosigkeit, einen Ausdruck verleiht. Ein gewaltige Sprachvirtuosität, die man nicht alle Tage antrifft, mit neuen Wortschöpfungen angereichert um dem näher zu kommen, von was sich eine wehe Kinderseele befreien möchte..."..die eigene Mutter dort besuchen, um mich von ihr zu befreien.."
Wir starten beim 4. Lebensjahr, in den fünziger Jahren, erleben Kinderheime, Adoptionsfamilien, Adoptionsmütter und Väter, einer herum geschobenen Kinderseele: "..Der Fluch meines Lebens. Die eisige Wange. Von hier nach dort verstossen, umhergezogen, nebenbei behandelt, verhöhnt, verlacht und in ungemütliche Richtungen gestossen, von einer Kälte in die nächste Kälte geworfen, von dort nach da und dort zurückgeschubst..Von der Mutter verstossen, bin ich nirgends daheim, von einem Heim zum Andern gebracht, von Grimmen nach Nienhagen und weiter nach Rerik überführt, wo ich in die Schule ging. Wie eine Ware stets. Wie ein Paket aus Fleisch und Blut werde ich angeliefert. Wohin ich auch komme, mit wem ich rede, von meiner Zeit ist nichts überliefert, nichts eins zu eins nachzuerleben. Die Wege sind ausgebessert, umgeordnet oder verschwunden.."
Wir erleben, die Jugend, das Erwachsenwerden, den inneren Überlebenskampf angesichts von Alleinsein und verzweifelter Hilflosigkeit, im Beisein, der Inneren Suche, nach der eigenen Mutter. "Ich weine, weil ich mir die Mutter, die ich nicht hatte, erfinden musste..Du kannst die Rituale des Heims nicht überleben, wenn du nicht heimlich eine Mutter im Herzen trägst." Wir erleben den jungen Erwachsenen als Grenzsoldat, der sich mit Gedanken der Flucht beschäftigt.."Das Land, wohin ich fliehen will, beginnt hundert Meter weiter, am Waldrand..Man darf es sich nicht zu früh anmerken lassen, wenn man abhauen will..die Frau finden, die meine Mutter ist, hinterm Zaun da drüben im Westen, auf der anderen Seite des Maschendrahts.."
Ein Buch das ein Anklage ist, an die Mutter, das System, dem Versagen von Erziehung, Adoption, Umerziehung, dem Drill, Alleingelassenwerden, des Verstossenseins. "Ein Wesen wie ich, ein Kind in den Heimen vorgeformt, lässt sich nicht nach den grotesken Regeln eines Anstandsbuches erziehen. Sie hätten besser getan mich nicht anzurühren..Es geht darum, Kinder vor Menschen zu schützen, die sich ihrer nicht erwehren können." Eine Rückkehr zu den Erinnerungen der eigenen Kinderheimzeit, die er als Erwachsener wieder aufsuchen wird: "Jahre später sitze ich also wieder mit dem Rücken gegen den Pfosten gelehnt, suche mit dem Herzen herauszufinden, was ich wohl gefühlt haben mag. Der Wind ist lange meine Mutter. Der Wind wischte mir die Tränen fort. Der Regen ist eine zeitlang meine Mutter..Die Wellen der Ostsee sind meine Mutter..Sie Sonne ist meine Mutter. Der kalte Mond am Himmel ist meine Mutter. Zur Nacht ist die rabenschwarze Nacht lang meine Mutter." Eine Kindheit, die dem Mangel an Liebe zum Opfer gefallen ist.."Ich habe während meiner Adoption nicht viel mehr an Liebe und Zuwendung erhaschen können, als mir während meiner gesamten Kinderheimzeit zugefallen ist."
Der Ich-Erzähler, dessen Adoptiv-Eltern nie einen Namen haben werden, macht sich auf zu seiner Mutter als Erwachsener. Eine innere Suche und Auseinandersetzung, die in der äusseren Realität , nach all den vielen Jahren, ihre Bewährungsprobe sucht:"Ich breche auf wie einst Scott zur Antarktis, mit dem Ziel, als erster Mensch den Südpol zu erreichen. Ich erreiche den Südpol, wenn ich den Klingelknopf zur Wohnung der Mutter drücke."
Ein Werdegang einer herumgetriebenen Seele, die sich irgendwann zum Schriftstellerberuf entscheidet, wo u.a. der Schnee als Gegenpol zur Schwere des Lebens eine sinnbildhafte Metapher wird.."Worte erscheinen in den Schnee geschrieben..Schnee treibt vor meinem Fenster, während ich an der Schreibmaschine sitze, schneeweisse Seiten fülle, um festzuhalten, was ich erlebt habe, nachdem er eines Tages an meine Tür geklopft hat..Schnee fliegt an meinem Haus vorbei, als wolle er nie landen..Alle wichtigen Ereignisse meines Lebens werden Schneeaugenblicke.."
Ein wortverspielter Autor, der uns schmunzeln lässt: "Schneefall, Schneeaugen, Schneeblicke, Schneeaugenblicke, Schneejahrzehnte..Schneefink, Schneemaus, Schneeeule, Schneebeere, Schneehase, Schneefuchs, Schneenacht, Schneeziege, Schneenantilope, Schneeman, Schneefrau, Schneekind, Schnee-ich, Schnee-du, Schneemüllers-Schuh, Schneehuhn, Schneehahn, Schneefrau, Schneemann, Schneemann, Schneegrenze.Aus." Schreiben, was noch vielmehr sein kann, als eine Befreiung von Angst, Vergangenheit, und einer wehen Kinderseele.."Ich schreibe aus Angst vor dem weissen Papier, kenne im Grunde keine grössere Angst als die Angst vor dem weissen Blatt Papier."
Mit eingeschobenen Zeitungsartikeln, die von vermissten, misshandelten, missbrauchten Kindern und Jugendlichen handeln, mit der der Autor arbeitet, sozusagen als stilistisches Mittel, hält man den Atem an, als ob man die Schauermeldungen über Kinderdramen ständig vor Augen hat. Peter Wawerzinek bedient sich darüber hinaus von altbekannten Kinderreimen, die manchmal aber nicht immer angesichts des ernsthaften Dramas passen. Auch kann er das hohe Niveau seiner Sprache, seiner Spannung nicht durchgehend halten, wo es schon fast ins Belanglose fällt, weitläufig und unwichtig erscheint...
Fazit: Peter Wawerzinek schreibt in seinem Buch über den Roman: "Ich möchte mein Thema wie einen Bombengürtel tragen, mich mit ihm in die Luft jagen. Anders gelingt der Roman zur Mutter nicht. Sie überlebt, wenn ich mich ausgeschrieben habe..und beider Bestimmung nach, haarscharf und getrennt, wie wir sind..". Ein beeindruckender Roman, der sich auf die Seite der wehrlosen Kinder stellt, in ihrem ausgelieferten Dasein, als Waisenkinder. Peter Wawerzinkes Schrift ist eine Verteidigung des ausgelieferten Kindes, ein Feuerwerk an sprachlicher Ausdrucksform, der dem Leisen, Ausdruckslosen, dem Stillen und Sprachlosen, wieder eine Sprache gibt. Ein Ausnahmeschriftsteller, der mit seinem Schreiben den Leser betroffen macht, und uns von etwas erlebten einer zarten verlassenen Kinderseele erzählt, wie es authentischer kaum erzählt werden könnte...ich gratuliere diesem Autor, zu seinem neuen Roman, dessen Dimension und Grösse, wir nur erahnen können...und es wäre nicht das erste Mal, dass ein Mensch, ein Autor, durch einen grossen Verlust auch etwas gewonnen hat...oder noch gewinnen könnte...
Nominierung: Zum Deutschen Buchpreis 2010 nominiert.