Was aus verletzten Seelen wird, hängt von vielen Geschichten ab. Nicht zuletzt davon, ob sie in ihrer Kindheit wenigstens einen festen Anker finden. Es war denn auch weniger die Neugier an den Berichterstattungen spektakulärer Aktionen der Tierschutzorganisation PETA, die mich bei der Lektüre vorantrieb. Vielmehr fesselten mich die ganz persönlichen Erlebnisse von Dan Mathews. Zum Außenseiter wird man nicht geboren, sondern gemacht. Wer beim Zusammenstellen einer Fußballmannschaft immer als Letzter übrig bleibt, kaum Einladungen für Geburtstagspartys erhält, von den Lehrern hämisch bloßgestellt wird, nicht mit einem gestählten Körper auftrumpfen kann und schon früh seine homosexuelle Neigung entdeckt, kann nur hoffen, dass er wenigstens von seinen Eltern bedingungslos geliebt wird. Gut möglich, dass Dan Mathews seine Mutter durch den idealisierenden Blick eines Geretteten sieht. Aber aus all seinen Erzählungen schließe ich, dass diese Frau etwas verkörpert, dass in unserer politisch korrekten Ratgeberzeit zunehmend verloren geht. Mathews' Mutter hat ganz offenbar ein so großes Urvertrauen in das Leben, dass sie sich nicht dauernd darum kümmern muss, was andere Leute über sie und ihre Kinder denken. Lieber lese ich ein solches Buch, als mir im Fernsehen all die vielen lächerlichen Aufgeregtheiten von Eltern, Erziehern und Experten anzusehen. Nicht Worte berühren, sondern Taten.
Dieses Buch hat mich auch deshalb gefesselt, weil der Inhalt und nicht die Form seiner Vermittlung spektakulär ist. Weder verklärt Dan Mathews seine Taten, noch schreibt er sie seinen besonderen Charaktereigenschaften zu. In einer Bohlen-Feldpausch-Zeit ist es außergewöhnlich und überaus wohltuend, von einem Helden zu erfahren, der seine Mission einfach als Laune des Schicksals sieht, als Aneinanderreihung von Gegebenheiten des Lebens. Dan Mathews hat keine Lebens- und Karriereratgeber gelesen, keine geistigen Fitnessprogramme absolviert und keine psychologisch ausgeklügelten Theorien verfolgt, er hat einfach das getan, was ihm offenbar half, seine Verletzungen zu heilen. Und das war auch deshalb möglich, weil er immer wieder auf Menschen stieß, die ihm Kraft gaben. Weil dazu in späteren Jahren auch viele Prominente gehören, erfuhr ich auch Geschichten, von denen Regenbogenjournalisten keine Ahnung haben. Weil Dan Mathews Pamela Anderson nicht auf ihre Brüste reduziert und in Nina Hagen oder Pink mehr als nur schräge Vögel sieht, gewinnt er deren Vertrauen. Und wenn Dan Mathews von den besonderen Netzwerken der Homosexuellen berichtet, geschieht dies ganz ohne Schwulen-Verherrlichung.
Vielleicht ist es eine kleine Ironie des Schicksals, dass ich dieses Buch gelesen habe, nachdem ich von einem Referat an einem Eventkongress zurückkam. Denn so nett das Publikum an den Stehtischen plauderte, viele waren nicht darunter, die vom gleichen Geist wie Dan Mathews beseelt sind. Wer die Menschen für ein Anliegen erreichen will, darf sich nicht auf Handwerkliches und Theoretisches beschränken. Das lernt man ohnehin, wenn man eine Mission verfolgt und für Neues offen ist. Ein Held hat eine Botschaft, an die er glaubt und sucht sich seine Helfer nicht nach einem Curriculum für Kaderstellen aus. Das ist eine der vielen Lektionen, die Dan Mathews seinen Lesern auf ebenso unterhaltsame wie engagierte Weise weitergibt.
Mein Fazit: Immer wieder auf der Suche nach guten Heldengeschichten bin ich bei diesem Buch fündig geworden. Hier erzählt kein eitler Promi von seinen Bettgeschichten und Durchschnittsleistungen. Hier wird davon berichtet, was verletzten Seelen die Kraft fürs Überleben gibt, warum sich Beharrlichkeit auszahlt und wie man dem Bösen in der Welt auch noch begegnen kann.