Frank (Bruce Willis) ist ein Mann, der in seiner Weihnachts-US-Vorstadt um punkt sechs Uhr aufsteht, obwohl der Wecker gar nicht klingelt. So einer ist auch mitten in der Nacht wachsam und mäht im Alleingang ein Killerkommando der CIA nieder, ohne dass ihm das sonderlich viel Mühe macht. Körper fallen im Gegenlicht und gehörten eben noch zu Menschen, die mit ungleich mehr Aufwand und Feuerkraft Franks Haus in Schweizer Käse verwandelt hatten. Mündungsfeuer, die aufblitzen wie kleine Bomben und nicht nur die Bausubstanz wegpusten, sondern auch jegliches Maß des ansatzweise Realistischen. Getroffen wurde nur Frosty The Snowman. Ungerührt war nicht nur Frank, sondern alle Nachbarn waren es ebenfalls, denn ohne dass auch nur ein Lichtlein angeht, konnte Frank den Moment der Stille nach dem Geballer auskosten, um zum Gegenschlag auszuholen.
Klingt bescheuert? Ist es auch! Willkommen in einem perfekt designten und choreographierten, quietschbunten und oftmals tatsächlich titelgebend roten Ballerfilm, der sich selbst nicht zu ernst nimmt und dies sehr bewusst tut. Man muss sich auf die Chose einfach einlassen und kann recht viel Spaß haben. Außerdem ist es ja mal ganz nett, dass jemand dem Jugendwahn den Kampf ansagt, "RED" steht im Original für "Retired, Extremely Dangerous". Dass hier ein paar mittel- bis ziemlich alte Säcke in die Schlacht ziehen, führt zu dem einen oder anderen netten Gag in einem auch in den Nebenrollen oftmals mit älteren Jahrgängen besetzten Film (z.B. Richard Dreyfuss und der bei Drehzeit schon über neunzigjährige Ernest Borgnine in einer kleinen Rolle). Die Vergangenheit, die (gute?) alte Zeit ist auch Thema der Handlung (die eigentlich ziemlich hastig, wirr und nur Anlass für Actionorgien am Fließband ist): Da geht es beispielsweise um Kriegsverbrechen der US-Regierung in Guatemala 1981 und um die Liebe zwischen einem russischen Agenten und einer US-Killerin (Helen Mirren), als der Krieg noch so richtig schön kalt war. Und anhand der von John Malkovich gespielten durchgeknalltesten Figur unserer Rentnergang behauptet der Film, dass der ganze moderne Überwachungsschnickschnack von heut nichts als Teufelszeug sei. Natürlich werden die Ereignisse diesem Mann Recht geben. Sehr subtil ist das alles nicht. Und man muss auch sagen, dass der Film in seinem Adrenalinwillen vielleicht ein bißchen zu penetrant ist, wie auch bei den nahezu dauerhaft eingesetzten rockigen Klängen des Soundtracks. In "Charlie's Angels" durften heiße Bienen kämpfen, jetzt dürfen es die Oldtimer. Wobei der Film insoweit nicht konsequent ist, als er Frank einen wesentlich jüngeren love interest gönnt. Und die Hektik des Filmes ist zu seiner Aussage, zu dem Plädoyer für den Wert der vermeintlich ausrangierten Jahrgänge, eigentlich gegenläufig, droht die Aussage geradezu zu verraten. Doch gemach - auch diesen Teil darf man nicht allzu ernst nehmen. Zudem ist der Film nicht ansatzweise so bemüht wie "Charlie's Angels", in dem einen in jeder Szene die videoclipartige Künstlichkeit anschreit und andauernde Zeitlupeneffekte jegliches Tempo herausnehmen. "Red" gönnt sich auch einmal (wenngleich eher spärlich) ruhige Momente. Und die Künstlichkeit entsteht, von den Schauplatz-/Szenenwechseln anhand von Reisepostkarten abgesehen, eher durch die Bauten als durch optische Verzerrungen. Sicherlich, CGI mag ein bißchen nachgeholfen haben, aber es steckt so viel Liebe und Aufmerksamkeit in diesen ganzen Farbklecksen, die wir nicht in der Abbildung, sondern im Abgebildeten sehen. So können sie durchaus sein, die Türen und Fensterrahmen der Hotels in Mobile, Alabama. Die kalte Privatwohnung eines CIA-Jungspunds, der in bester Tarantino-Skurrilität mit der Gattin über Schulprobleme des Sohnes telefoniert, um in der nächsten Sekunde den Stuhl wegzustoßen, auf dem sein Gegner steht, den Kopf schon in der Schlinge steckend. Die knallbunte Vorstadt-Weihnachtsidylle. Und immer wieder Feuerblitzgelb, Explosionsorange oder markante rote Gegenstände, gelegentlich auch mal rote Blutflecke, die nirgends so ästhetisch aussehen wie auf einem blütenweißen Kleid.
Nein, "Red" ist kein großer Film. Aber ein guter, bei dem man nicht zu viele Fragen stellen sollte und den man als Komödie sowie als comic-artigen ästhetischen Leckerbissen (auf einer graphic novel beruhend) genießen kann. Damit locker vier Sterne.
Die FSK-Freigabe ab 16 ist aus meiner Sicht etwas fragwürdig. Auch ein Zwölfjähriger kann oft schon zwischen Ernst und Spaß unterscheiden, und dieser Film dürfte trotz hohen body counts als das wahrgenommen werden, was er ist: sinnfreie, aber gute und ganz und gar unrealistische Unterhaltung. Filme, in denen weniger Menschen sterben, aber echte Angst anhand von höchst realen Szenarien erzeugt wird, dürften Kinderseelen weitaus mehr beeindrucken bzw. belasten (mein Lieblingsbeispiel ist die aus meiner Sicht absolut verfehlte FSK-12-Freigabe für Clint Eastwoods "Der fremde Sohn"). Dass man nach "Red" nicht nur den Film, sondern auch das Töten für einen harmlosen Quatsch halten könnte, erschließt sich mir nicht. Oder liegt die FSK-16-Freigabe an einer etwas härteren Schlägerei, bei der die Beteiligten tatsächlich reichlich verschrammte Gesichter und rötliche Kleidung bekommen, ohne dass alles durch Feuerzauber unsichtbar gemacht wird? Ja Du liebe Zeit, das gehört hier ebenfalls zum Kult, das ist der gute alte Bruce Willis aus "Stirb langsam", bei dem es Programm war, dass der neue Superheld nicht so unverwundbar war wie ein James Bond in der alten Zeit, in der er sich nach der Balgerei nur die Krawatte zurechtzuppeln musste. Die Klopperei ist ebenfalls total übertrieben, und zwar erkennbar, selbst ein Superfighter hätte nach so vielen Blessuren nicht einfach weiterkloppen können. Also nichts weiter als Futter für die Fans, hätte nur noch Bruces Feinrippunterhemd gefehlt. Aus meiner Sicht FSK-12-geeignet.