SCALA (6/99)
Schon 1956 hatte Karajan einen hinreissenden "Rosenkavalier" in London aufgenommen, mit Elisabeth Schwarzkopf als nahezu idealer Marschallin (die ja, laut Richard Strauss, "eine junge schöne Frau von höchstens 32 Jahren" sein soll). Vier Jahre später, genau am 26. Juli 1960, schnitt der Österreichische Rundfunk diese Salzburger Festspiel-Aufführung mit, ebenfalls monaural, klangtechnisch leider nicht besser (das Orchester verschwindet allzusehr in seinem Graben). Dennoch hat auch diese Aufnahme ihre Meriten. Karajan, diesmal mit den Wiener Philharmonikern, geht schon einen Schritt weiter in Richtung des später so oft zelebrierten "Genussklangs", es klingt noch raffinierter, auch wenn selbst diese Wiener bei einmaligem "Live" - und nicht dem heutigen Mosaik aus Proben und diversen Aufführungen - überraschend oft "patzen". Lisa Della Casa ist eine kühlere, mehr dem Schönklang (also der adeligen Fassade) verpflichtete Marschallin, in ihrer kunstvollen Distanziertheit aber durchaus attraktiv. Sena Jurinac hat seit der Einspielung mit Erich Kleiber (1952) als Octavian hörbar dazugelernt; ihr flaches Einschwingen, das in flackernde Höhen überging, ist jetzt ein in sich konsistentes, rundes und souveränes Aussingen geworden. Hilde Güden, bei Kleiber noch eine exzellente Sophie, kämpft hier schon hörbar mit den Höhen des Rosen-Duetts, und Otto Edelmann zieht einfach seine behäbig-breite "Falstaff aus Wien"-Figur ab, sozusagen den Standard-Ochs, weit weg von der "ländlichen Don-Juan-Schönheit von etwa 35 Jahren", die der Komponist sich wünschte. Das alles fügt sich nicht etwa zum "Sklerosenkavalier" wie in Karajans Digital-Aufnahme von 1985 - aber mehr als ein achtbares Salzburg-Dokument ist es auch nicht.
©Scala, Thomas Rübenacker