Eine ungeheuer eindrucksvolle Aufführung von Strauss' "Elektra", mitgeschnitten bei den Salzburger Festspielen 2010.
Ich gebe den kritischen Stimmen Recht: Iréne Theorin mag in der Titelrolle nicht optimal artikulieren und manch schrillen hohen Ton produzieren, im Ganzen bietet sie jedoch eine nachdrückliche Leistung mit schönen Gesangslinien und intensivem Spiel. "Elektra" ist wie kein anderes Werk von Richard Strauss dem Expressionismus nahe, und in diesem Rahmen erfüllt Frau Theorin ihre Aufgabe ausgezeichnet. Eva-Maria Westbroek und René Pape zeichnen optimale Rollenporträts. Über allen jedoch strahlt die Klytämnestra von Waltraud Meier: ein - man kann es nicht anders sagen - Wunder in psychologisch ausgefeilter Darstellung, Artikulation und Gesang, eine überragende Bühnengestalt.
Daniele Gatti sorgt mit den Wiener Philharmonikern für authentischen philharmonischen Strauss-Sound, der auch in kantiger Schärfe immer wohlklingend bleibt.
In einem passend düsteren Hinterhof (der Bühnenbildner Raimund Bauer bringt expressionistische Vorbilder mühelos ins 21. Jahrhundert) entfaltet sich die kluge und spannende Personenregie von Nikolaus Lehnhoff. Bis - ja, bis der Effekt gegen Ende fast nochmal verspielt wird. Denn da hebt sich plötzlich die Rückwand und gibt den Blick frei auf einen Raum mit weißen, blutbespritzten Kacheln, in dem Klytämnestras Leiche an einem Haken von der Decke baumelt. Das ist nur mehr unfreiwillig komisch und sieht aus wie "Das Schweigen der Lämmer in Mykene". Strauss und Hofmannsthal haben genau gewusst, warum sie den Mord und die Toten hinter der Bühne belassen, alles Grauen wird durch die Musik und die Todesschreie transportiert. Völlig unsinnig, da noch eins drauf zu setzen. Fast schon klar, dass dann auch noch Elektras tödliche Tanzekstase (auch die musikalisch unüberhörbar in ihren stampfenden Rhythmen) ganz uninszeniert bleibt. Schade.
Dennoch: trotz des inszenatorisch verunglückten Finales eine starke, eindrückliche Aufführung. Fünf Sterne, ganz klar.