Christian von Aster, Markolf Hoffmann und Boris Koch sind das Autorendreigestirn der Berliner Lesebühne "Das Stirnhirnhinterzimmer", die mit dem Publikumspreis als "Beste Lesebühne Berlins" 2012 ausgezeichnet wurde. "Rückkehr ins Stirnhirnhinterzimmer" ist nun bereits ihre dritte gemeinsame Anthologie. Anfangs ging ich eher mit Skepsis an das Buch, denn ich bin leider bekannt dafür, eine eher undankbare Leserin von Kurzgeschichten zu sein. Mein Motto war stets: Je dicker ein Buch, je tiefer ich in die Geschichte versinken kann, je intensiver die Charaktere beschrieben werden, umso besser für mich. Und dann kamen sie: "Ein Sack voller Autorenflöhe", wie sie von meinem Internet-Kollegen sandhofer genannt wurden.
Nicht alle Geschichten überzeugten mit vollständig, es fand sich aber keine einzige, die mich enttäuschen sollte.
Erwin, das Glückskind (Boris Koch)
Dieser Einstieg war ein Volltreffer für mich. Großartig. Einfach großartig. Eine kurze Metapher unseres Lebens. Erwin steht für so viele rücksichtslose Menschen, die ihr Glück nur darin finden, indem sie die Ressourcen unserer Welt zerstören. Der Mensch sägt an dem Ast, auf dem er sitzt - die einzige atmende Spezies, die so dumm ist - und bemerkt es nicht mal. Aus Rücksichtslosigkeit, Egoismus. Die Kleider sind schick, die Schokolade schmeckt gut und die Stopfleberpastete ist auch nicht zu verachten. Dass man dabei weder an Kinderarbeit, noch an Tierqual denkt kommt gar nicht so selten vor:
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Ja, er mochte Tiere wirklich, doch Marienkäfer sah er als Nutztiere an, die man eben tötete, wie man Schweine oder Kühe schlachtete, wenn man kein Vegetarier war. Das war nicht böse oder grausam, so war das Leben. Außerdem hielt er sich selbst zugute, dass er nur frei fliegende Käfer sammelte, sie stammten nicht aus der Massentierhaltung.
Erwin wirkt auf den ersten Anblick wie ein kleiner Sadist, doch ist es wirklich grausamer, Marienkäfern die Beine auszureißen als das, was auf Schlachthöfen hinter verschlossenen Türen geschieht? Erwin überlässt die "Arbeit an seinen Nutztieren" nicht anderen, sondern macht sie selbst. Das macht ihn nicht zu einem besseren Menschen, dafür aber zu einem ehrlicheren.
Die dunkle Seite des Plüsch (Christian von Aster)
Das Skurrilitätenkabinett geht weiter. Dieses Mal spielen Plüschtiere eine düstere Hauptrolle und so treffen wir hier zum Beispiel auf einen "Che-Guevara"-Teddy - und erneut jede Stoff zum Nachdenken:
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Ein Zertifikat bescheinigte der Poncho-Rojo-Fabrik darüber hinaus, ohne Kinderarbeit zu produzieren. Das war insofern korrekt, als dass man in der Region - einem neuen Gesetzesentwurf folgend - Kind als unter vierjährig definierte und dementsprechend nur Fünf- und Sechsjährige beschäftigte.
Sülze (Markolf Hoffmann)
Diese Geschichte war für mich ein Sinnbild für die "Normalität" unserer sogenannten Ersten Welt und dem, was wir uns in der reinsten Form gönnen: Maßlosigkeit.
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Die Schrecken einer überstättigten Welt, das Grauen der Masthöfe und Schlachtbetriebe, wo jeden Tag, jede Stunde unzählige Schweine mit Bolzenschüssen getötet und ihre Knochen in riesigen Kesseln zu Gelatine verkocht werden.
Das erinnerte mich daran, dass eigentlich kein Kind dieser Welt verhungern müsste, wenn wir es alle wirklich wollten. Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind. Das sind jeden Tag 12.760 Kinder. Jedes Jahr 6.307.200 Kinder. Ich frage mich immer wieder, wie wir mit diesem Wissen überhaupt so gut und maßlos leben können. Nein, eigentlich ist es ganz einfach. Wir sind nicht nur Meister der Maßlosigkeit, sondern auch der Verdrängung.
Ein Leben frei von Eifersucht (Boris Koch)
Eine Fee soll einem krankhaft eifersüchtigen Mann drei Wünsche erfüllen - mit unerwartetem Ausgang. Diese Geschichte konnte mich nicht ganz so für sich einnehmen. Sie erschien mir wie ein Männer-Wunschtraum, obwohl der Autor in einer Leserunde bestritt, Herbert sein zu wollen. Ich konnte mich zum Glück weder mit Herbert noch mit der Fee eindeutig identifizieren.
Entenherz (Markolf Hoffmann)
Zum Inhalt kann ich nicht viel sagen, weil ich diesen Text - und die eventuell dahinterliegende Metapher (?) - nicht verstanden habe. Zwar mochte ich diese Kurzgeschichte trotzdem irgendwie, begründen könnte ich es aber nicht.
Nach den Gartenzaunkriegen (Christian von Aster)
Eine bitterböse Polit-Satire, die nicht nur die rentnerfeindlichkeit in unseren Landen anprangert. Doch hier wehren sich die Rentner - und das ganz ordentlich.
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Mad Max lebt.
Und er ist Schrebergärtner.
Nicht unbedingt ein Highlight für mich, aber auch hier wieder eine sehr interessante und pointierte Sicht auf die Dinge.
Rosinenterror (Boris Koch)
Helden werden nicht durch Taten zu Helden, sondern durch Worte. Eine Geschichte, die erst viel später bei mir ihre Wirkung entfaltete.
Der Schrauber des Herrn Merz (Markolf Hoffmann)
Eine großartiger und etwas unheimlicher Text. Ein etwas einfältiger Mann repariert "kaputte" Frauen mit seinem Akkuschrauber, doch "Es kann nicht repariert werden, was nicht kaputt ist" - oder etwa doch?
Fünf Minuten Berufskunde (Boris Koch)
Auch hier übertrifft sich Boris Koch fast selbst. Schulunterricht in seiner zynischsten Art und Weise. Das Leben schreibt die "besten" Geschichten und so wirken diese fünf Minuten Berufskunde leider mehr als real.
Frank Zart - Der Automatenwart (Markolf Hoffmann)
Ich liebe diese Geschichte! Ein Handwerker, immerhin einer der besten seines Faches im Bereich der Automatenreparatur, bekommt die Chance, den Weltenautomaten zu reparieren. Die Welt wieder rund laufen zu lassen. Doch es ist noch so viel anderes zu tun und so lässt er sich reichlich Zeit damit - und hält uns erneut einen Spiegel vor. Die Menschheit plant nicht gezielt ihren Untergang, sondern steuert ihm nur planlos in ihrer Geiz-ist-geil-Mentalität und dem Eifer, immer mehr als andere besitzen zu müssen, entgegen. Zart ist ein da ganz typischer Handwerker, der weiß, dass er alle Zeit der Welt hat und dass der Kunde auf ihn warten wird.
Neulich im siebten Kreis der Hölle (Christian von Aster)
Hiermit entlockte mir der Autor wahlweise Stirnrunzeln oder Grinsen. Stirnrunzeln wegen der sehr gewöhnungsbedürftigen Schreibweise:
Zitat
"Leiche, leiche! Choncht hören chie unch noch!", tönte seine telepathische Stimme im Kopf seiner Kollegen, bevor der Wolch leise zur geheimen Tür hinüberwunkelte und ängstlich hinaus auf den Gang blinzelte.
Das erinnerte mich stark an eines meiner Lieblingsgedichte von Christian Morgenstern:
'Der Flügelflagel gaustert,
durchs Wiruwaruwolz,
die rote Fingur plaustert,
und grausig gutzt der Golz.
Zugegeben: Kunst muss nicht immer auf den ersten Anblick verständlich sein. Das Grinsen überwog aber schließlich, denn Christian von Aster hat eine sehr spezielle Art von Humor (die mir persönlich sehr gut gefällt).
Mit Sonderangeboten in den Himmel (Boris Koch)
Eine sehr traurige Geschichte. Sie weist darauf hin, dass wir alle abhängig sind von Mächten, die für uns entscheiden, die mit unserem Leben spielen. Das ist so ... deprimierend. Gut gemacht auch dieses Mal von Boris Koch.
Biedermanns Bilanz (Christian von Aster)
Wiederum wird hier eine sehr gute Pointe geboten. Auch diese Geschichte hat mir ausgezeichnet gefallen und ich hätte mit diesem Ausgang nicht unbedingt gerechnet.
The King in Pain (Markolf Hoffmann)
Da ich mit Musik nicht viel und mit Elvis noch viel weniger anfangen kann, war diese Geschichte wie eine Perle, die man vor die Sau geworfen hat.
Im Schatten des Cadillac (Christian von Aster)
Diese Geschichte ließ mich etwas zwiespältig zurück, denn einerseits fand ich sie hübsch bizarr, andererseits lagen mir auch hier die Themen nicht so: Autos, ehemalige DDR, Elvis. Aber einen rosa Wartburg würde ich auch in meinen Garten stellen (und dann hübsch mit Blumen bepflanzen, ihn von wildem Wein und Heckenrosen umranken lassen. Dann würden da viele Igel mit Geschmack für Designerwohnungen einziehen und ich hätte hier keine Schneckenplage mehr. Aber nun schweife ich ab).
Lauschangriff (Markolf Hoffmann)
Der "Lauschangriff" war jetzt nicht unbedingt ein Highlight, aber er war nett zu lesen. Ich war nicht vor dem Mauerfall in der DDR, dennoch bin ich alt genug, mich an diese Zeit zu erinnern. Besonders erwähnenswert finde ich diesen Satz hier:
Zitat
Offenbar lebten sie seit über zwanzig Jahren in einer Zeitblase, abgekapselt vom real existierenden Sozialismus.
Eine elegante Beschreibung der Volksrepublik unter dem Deckmäntelchen einer (nahenden?) Diktatur. Und war nicht die DDR selbst auch in einer Zeitblase gefangen? Die Kurzgeschichte beschreibt also sozusagen eine Zeitblase in der Zeitblase. Interessanter Gedanke.
Grenzgänger (Boris Koch)
Ich dachte auf Anhieb "Hey, war Boris Koch vielleicht schon mal hier in meinem Dorf?
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