Unmittelbar nach Herausgabe, habe ich mir "Rückkehr ins Kinderseelen-KZ" zugelegt. Weil es vom Leser nicht nur intellektuell, sondern auch emotional einiges abverlangt, konnte ich anfangs meine Gefühle gar nicht beschreiben, die einen überkommen, wenn man erst einmal in die Tiefen dieses unglaublichen Werkes eingetaucht ist. Im Vorfeld hätte ich nie auch nur eine Sekunde daran gedacht, dass es möglich ist, ein solches Buch zu schreiben! Als begeisterter Schriftmensch kann ich heute, mit etwas Abstand, sagen, dass es zu den wichtigsten, empfehlenswertesten und auch gefährlichsten Veröffentlichungen der letzten Jahre zählt. Gefährlich deshalb, weil die Autorin Frieda Norka ihre Leserschaft dazu zwingt, den Gedanken zuzulassen, dass Amokläufe an Schulen eine direkte Folge vorhergehenden jahrelangen Mobbings sind. Dies wiederum hat zur Folge, sich mit dem System Schule als einer Zwangskaserne auseinandersetzen zu müssen, welche die darin geschehenen Verbrechen und Blutbäder als systemimmanente entlarvt! Deshalb birgt "Rückkehr ins Kinderseelen-KZ" ein Gefahrenpotential für das System Schule in sich wie vermutlich noch keine anti-pädagogische Publikation jemals zuvor (inkl. sonstiger Sachbücher zum Thema).
"Rückkehr ins Kinderseelen-KZ" erzählt die fiktive Geschichte eines Schulamoklaufes sowie dessen Vorgeschichte, eines jahrelangen, täglichen Mobbings in der Schule. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des Amokläufers. Hierbei dringt die Autorin auf wohl einzigartige und einmalige Weise tief in die Psyche eines school-shooters ein. Es wird der Leidensweg eines Menschen deutlich, der Jahr für Jahr, jeden Tag in der Schule dem Mobbing einer dominanten Clique in seiner Schulklasse ausgesetzt ist. Aufgezeigt wird auch, wie wenig von alledem nach außen dringt, weil es sich nur innerhalb der Schule abspielt. Und auch wie wenig die Lehrer davon mitbekommen, deren starrer Blick auf den zu bewältigenden Lehrplan die Sicht auf Vorkommnisse in der Klasse schlichtweg verwehrt und dem Mobbing damit zuträglich ist.
Deutlich wird dabei eines: Von Mobbing in der Schule betroffene Kinder befinden sich in einem Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt. Oftmals ohnehin Außenseiter stehen sie regelmäßig einer Clique von anderen Kindern gegenüber, deren täglichen Drangsalierungen, Beleidigungen, Demütigungen und Bedrohungen sie hilflos ausgeliefert sind. Durch die Schulpflicht, konkreter den Schulzwang, sind sie jeden Morgen aufs Neue in der Situation, sich dem Mobbing in der Schule aussetzen zu müssen. Hier geht es nicht um übliche Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Schülern. Es geht vielmehr um das tägliche Fertigmachen einzelner Kinder in einer Schulklasse durch eine dort etablierte Clique. Dieser tägliche Horror erzeugt in den betroffenen Opfern zum einen ein Gefühl von permanenter Todesangst und tief greifenden Gefühlen eigener Ohnmacht; aber auch das Bedürfnis nach Rache. Diese starken Gefühle dringen tief in das Unterbewusstsein der Mobbingopfer ein, und führen zu schweren seelischen Verletzungen, die sich auch auf das Leben nach der Schule negativ auswirken. So haben sie es schwerer, Beziehungen und andere soziale Bindungen einzugehen und im Leben nach der Schule anzukommen. Die jahrelange aufgestaute, unterdrückte Wut auf die Mobber, aber auch auf die Institution Schule kann sich im Extremfall, und bei Vorliegen möglicher weiterer negativer Umstände, noch Jahre später in einem Amoklauf Luft machen. Dies wird von der Autorin auf eine so schonungslose, nachvollziehbare und wahrhaftige Art dargestellt, dass es einen gewissen Mut erfordert, dieses Buch zu lesen.
Erzählt wird die Geschichte des Amoklaufes der Figur Konrad Gussler nicht als nur rationaler Erklärungsversuch, sondern vielmehr hoch emotional. Frieda Norka beantwortet die Frage nach dem Warum eines Amoklaufes mit Blick auf die Gefühlslage des früheren Opfers und späteren Täters. Sie gibt Schulamokläufern mit ihrem Buch insoweit erstmalig eine Stimme. In einem weiteren Teil des Buches gibt es ein fiktives Interview mit einem Vertrauten des Amokläufers nach der Tat. Hier wird, auf nunmehr rational wissenschaftliche Art, der nahezu zwingende Zusammenhang zwischen dem von der Schulpflicht etablierten System der schulischen Zwangskasernierung von Kindern, die sich einander nicht selbst ausgesucht haben, der Etablierung von Cliquen in den Schulklassen und dem Mobbing von Außenseiterkindern sowie den emotionalen Auswirkungen auf die Mobbingopfer dargestellt.
Den Schluss des Buches bildet eine, von der Autorin jahrelang recherchierte, beispielhafte, internationale chronologische Darstellung von Gewalttaten an Schulen in den Jahren 2004 bis 2007.
Den Titel "Kinderseelen-KZ" werden viele Menschen, die das Buch nicht kennen, ablehnen, weil er ihnen zu stark oder schlichtweg überzogen scheint. Nach genauer Lektüre des Buches, bin ich aber zu der Ansicht gelangt, dass vorher noch kein Begriff die Dinge dermaßen präzise auf den Punkt gebracht hat, wie der des "Kinderseelen-KZ". Opfer von Schulmobbing empfinden sich wie in einem Konzentrationslager aus unsichtbaren Mauern, in dem sie machtlos miterleben müssen, wie Andere über sie bestimmen und ihnen, nach Belieben, übel mitspielen. Ein KZ der Seele - der Kinderseele.
"Rückkehr ins Kinderseelen-KZ" ist ein Buch, das geschrieben werden musste, weil es - ein Novum - den Amokläufern an Schulen eine Stimme gibt. Die meisten der bekannten Schulamokläufe endeten regelmäßig mit dem Tod des Amokläufers. Die quälend hinterlassene Frage nach dem Grund eines Schulamoklaufes wird durch "Rückkehr ins Kinderseelen-KZ", vielleicht erstmalig, schlüssig beantwortet. Die gegebene Antwort ist verstörend und überzeugend zugleich und führt zu einem kritischen Nachdenken über das bestehende Schulsystem mit seiner Schulpflicht. Eine Pflichtlektüre für Alle, die in irgendeiner Weise mit der Institution Schule in Berührung kommen!