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Literatur aus dem Südpazifik im Unionsverlag
Viele Inselstaaten in Polynesien sind so klein, dass sie nur unter Missachtung des Massstabs auf den Globus finden, soll das Blau des Pazifiks sie nicht einfach verschlucken. Zwischen Hawaii im Norden und Neuseeland im Süden erstreckt sich ein Gebiet, dessen Grösse etwa dreimal die Fläche Europas im diametralen Gegensatz zu unserer Kenntnis von ihm steht. Im Südpazifik fanden die Entdecker die «edlen Wilden», bis heute ist dies mehr als Afrika oder Südamerika der Ort des Exotischen überhaupt, und es ist der Teil der Erde, welcher der landläufigen Vorstellung vom Paradies am nächsten kommt. Ohne die Atomtests, so scheint es fast, assoziierten wir mit dieser Region wenig mehr als Palmen, Korallenriffs und blauen Himmel.
Die Weissen brachten nicht nur christlichen Glauben, Technik und Geldwirtschaft. Sie brachten auch die Schrift. Postkoloniale Literatur kann noch so sehr Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins und einer Emanzipation von der Doktrin der Weissen sein angewiesen ist sie auf deren Medium. Eine Reihe mit Literatur aus dem Südpazifik im Unionsverlag zeugt davon, wie virulent der Konflikt, der sich daraus ergibt, auch heute noch ist. Oder existiert er nur im Bewusstsein des westlichen Lesers mit seiner Mischung aus Schuldkomplexen und Sehnsucht nach Authentizität? Haben sich die Polynesier längst souverän in einer Bastard-Kultur eingerichtet, die das Beste aus mehreren Welten vereinigt? Bedenklich ist jedenfalls, dass wir uns fast betrogen fühlen, wenn wir, beim ersten Blick auf die Bücher, erfahren, dass Albert Wendt, einer der bedeutendsten polynesischen Schriftsteller, deutscher Abstammung ist.
Buddenbrooks auf Samoa
Sein Roman «Die Blätter des Banyanbaums» verfolgt über drei Generationen die Geschicke einer Familie in Samoa und die Umwälzungen, die das Leben während dieser Zeit erfährt. Im Mittelpunkt steht Tauilopepe, der sich auf dem theologischen Seminar statt für Glaubensfragen für das landwirtschaftliche Know-how der Missionare, ihre Autos, ihren Handel mit Feldfrüchten interessiert. Entschlossen, reich und erfolgreich zu werden, kehrt er in sein Dorf zurück. In einem gnadenlosen Machtkampf sichert er sich das ertragreichste Land, zwingt den Platzhirsch Malo in die Knie und predigt als Diakon eine kryptopuritanische Lehre aus «Gott, Geld und Erfolg». Doch Reichtum und Macht sind schwer zu vererben. Sein Sohn Pepe richtet sich als Rebell und Bohémien in der Stadt ein und landet schliesslich wegen eines symbolischen Vatermords im Gefängnis. Pepes Sohn kommt mit Tauilopepes Ideologie glänzend zurecht, doch der Besitz, den dieser mit harter Arbeit angehäuft hat, zerrinnt dem verwöhnten Enkel.
Die Europäer tauchen in Wendts samoanischen «Buddenbrooks» kaum auf. Längst ist das Ringen von traditioneller und westlicher Kultur zur inneren Angelegenheit der Samoaner geworden und spaltet Dörfer und Familien. Nicht durch Unterdrückung übt der Westen seinen Einfluss aus, sondern durch ein charmantes Spiel der Verheissungen. Wer, wie Tauilopepe, darauf eingeht, mag geldgierig sein und seine Herkunft verraten, doch er verdient, gibt Wendt zu bedenken, für seine Phantasie und seinen Lebenshunger auch Respekt. Wendt vermeidet es also, Tauilopepe zum Schuldigen zu erklären. Dennoch lässt sich so wenig das der Spannung und der grossen Qualität seines Erzählens auch anhaben kann sein Roman als marxistisches Lehrstück lesen. Wendt erzählt, wie eine quasi prähistorische Stammeskultur innerhalb von zwei Generationen auf kapitalistisches Wirtschaften umgestellt wird und in der dritten in Dekadenz und Chaos versinkt.
In Tonga hingegen will sich die Katastrophe ebensowenig einstellen wie das Goldene Zeitalter. Traditionalisten und Fortschrittsgläubige sind längst zu träge zum Kämpfen und versuchen nur noch, soviel wie möglich für sich herauszuschlagen. In seinem Satirenband «Rückkehr durch die Hintertür» beschreibt Epeli Hau'ofa, Schriftsteller, Anthropologe, Sozialwissenschafter und bezeichnenderweise ehemaliger Privatsekretär des Königs von Tonga, eine Gesellschaft, die ebenso korrupt, ineffizient und desillusioniert wie bestens gelaunt ihren polynesischen Gang geht. Die Kolonialisten von einst sind die trotteligen Wohltäter von heute. Während sie als Uno-Experten und Entwicklungshelfer die Schuld ihrer Vorfahren abarbeiten, liegen die Einheimischen in der Sonne. Nicht tragisch, wie bei Wendt, sondern in ihrer Absurdität sehr komisch sind die Risse und Verwerfungen, die der Westen über die «sanften Inseln» gebracht hat.
Text-Performance
Die Titelheldin Alofa in Sia Figiels gleichnamigem Roman hat noch nicht zu solch harmlos-subversivem Zynismus gefunden. Sie ist auf zweifache Weise Aussenseiterin: als Samoanerin gehört sie einer aussterbenden Kultur an in der Schule lernt sie Wordsworths «Daffodils» auswendig, ohne je eine solche Blume gesehen zu haben , und als junges Mädchen leidet sie an der Unterdrückung durch Eltern und Dorfgemeinschaft. Doch während für Wendts Tauilopepe die Befreiung nur durch beflissene Imitation der Europäer denkbar ist, klaubt sich Alofa, ganz ein Kind der Neunziger, aus samoanischem Aberglaube, Poplegenden, westlicher Warenwelt und Mädchenträumen selbst ihre Referenzpunkte zusammen. «Alofa» feiert die Abschaffung der kulturellen Demarkationslinien.
Figiel, geboren 1967, versteht sich als Performance-Künstlerin eher denn als Schriftstellerin. Durch ihr Spiel mit Klängen, unübersetzt gebliebenen samoanischen Worten und einem dichten Gewebe von inneren Monologen und Figurenreden verbindet sie die mündliche Kultur ihrer Heimat mit der westlichen Romantradition und generiert so einen feinen und reichen Text, der seine Spannung aus Alofas vermeintlicher Naivität und dem dekonstruktivistischen Gestus des Erzählens bezieht.
Das neuseeländische Maori-Ghetto, Schauplatz von Alan Duffs 1995 erschienenem und nun neu aufgelegtem, erfolgreichem Roman «Warriors», scheint auf einem anderen Planeten zu liegen. Hier finden sich keine Spuren des Optimismus, der Freiheit und des Lebenshungers, die «Alofa» noch durchstrahlen, als die Heldin mit rasiertem Kopf in die Schule geschickt wird, weil man sie mit dem Sohn des Pfarrers erwischt hat. Hier sind Maori-Kultur und westliche Kultur im Untergang begriffen, zerfressen vom Dauerrausch eines Grossteils der Bevölkerung, von Hoffnungslosigkeit und Lethargie, die die Regierung mit ihren Almosen nährt. Die stolzen Krieger von einst vegetieren als dumpfe Randalierer vor sich hin.
Beth Heke repräsentiert hier das Elend des ganzen Volks. Was hilft ihren fünf Kindern ihr gutes Herz, wenn sie sich regelmässig bewusstlos trinkt und einem Mann treu bleibt, der sie jedes Wochenende verprügelt? Die dreizehnjährige Tochter Grace opfert sich als Ersatzmutter auf, jenes bürgerliche Familienidyll vor Augen, das sie in der Villa eines weissen Schafzüchters beobachtet hat. Ein Sohn landet im Erziehungsheim, ein anderer schliesst sich einer Terrorgang an. Doch erst als sich Grace erhängt, nachdem sie der Vater vergewaltigt hat, überwindet Beth ihre Passivität. Als Mutter ihrer Kinder hat sie versagt, nun, im erbaulichen Finale, wird sie mit ihren Selbsthilfeprojekten zur Mutter des ganzen Viertels.
Auch Duff strebt den Eindruck von Mündlichkeit an, aber anders als Figiel beschränkt er sich auf direkte Nachahmung. Doch statt Authentizität zu bewahren, reproduziert er so nur den Klischee-Slang, den man aus dem Fernsehen kennt. Problematischer ist jedoch der unausgegorene ideologische Gehalt. Duff mag die Gewaltexzesse noch so verurteilen, ihre sensationalistische Darstellung wie auch der Titel sprechen eine andere Sprache. Nachbarschaftshilfe in Ehren, doch Duffs Appell, die Maoris sollten sich auf ihre Vergangenheit und ihre alten Kriegertugenden besinnen, ist ebenso naiv wie gefährlich.
Liest man «Warriors» jedoch gegen den Strich, findet man hier dieselbe Erkenntnis, die auch den anderen Büchern zugrunde liegt: Auf der Suche nach einer Identität, die vorm Untergang bewahrt, bietet Tradition ebensowenig eine Zuflucht wie irgendeine andere äussere Instanz. Sia Figiels Heldin Alofa versteht diese Situation als grosses Glück.
Jörg Häntzschel
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