Ein junger Mann kommt in eine fast leere Mietwohnung in Paris, wo ein Mann und eine Frau ihn schon erwarten. Kurz nach der Drogenübergabe setzt sich das Pärchen den nächsten Schuss und sinkt nieder auf der Matratze, dem scheinbar einzigen Einrichtungsgegenstand in der Wohnung. Am nächsten Morgen wird der Mann, Louis, von seiner eigenen Mutter, die die Wohnung vermieten möchte, tot aufgefunden. Die junge Frau, Mousse, überlebt im Krankenhaus nur knapp und erfährt, dass sie schwanger ist. Auf der Beerdigung von Louis rät dessen Mutter dazu, das Kind abzutreiben, da die Familie "keine Nachkommen von Louis wünscht, jetzt, wo er tot ist."
Der Betrachter ist schon nach einer knappen Viertelstunde Film mitten im Spannungsfeld von Leben und Tod, von Zerstörung und Neuanfang, mitten im Spannungsfeld von Familie, Liebe und eigenem Lebensentwurf. Erst als die schwangere Mousse sich in ein Ferienhaus am Meer zurückzieht, wo Paul, der Bruder von Louis, sie aufsucht, wird das Erzähltempo langsamer, betrachtender. Die Rückkehr ans Meer wird zum Rückzug aus dem Leben, zu vorsichtigem Hineintasten in den Alltag und zur Atempause vor dem Neuanfang. Gemeinsam mit Mousse, Paul und Serge verbringt der Zuschauer einige Sommertage am Meer, die äußerlich völlig unspektakulär und ereignisarm sind, an denen aber das Leben als Ganzes im Mittelpunkt steht.
"Le Refuge" (so der Originaltitel) ist der dritte Film der "Trilogie über die Trauer" des bekannten französischen Regisseurs Francois Ozon. Schon der erste Trilogie-Film
Unter dem Sand behandelt die Schockstarre nach einem plötzlichen Tod bzw. Verschwinden einer geliebten Person und die Phase der Selbstfindung, in der völlige Zurückgezogenheit herrscht. Der zweite Teil
Die Zeit, die bleibt thematisiert den Widerspruch zwischen drohendem Tod und der Möglichkeit, an werdendem Leben Anteil zu gewinnen. Auch hier wird ein Leben auf der Überholspur entschleunigt und zur Reflexion gezwungen.
In allen drei Filmen belässt der Regisseur Ozon seinen Figuren ihre Geheimnishaftigkeit. Über ihre Lebensgeschichte und Motive erfährt der Betrachter nur wenig und doch gelingt es gerade so, die existenziellen Fragen rund um Leben und Tod erfahrbar zu machen. Es sind die Leerstellen, die in die Filme hineinziehen. Faszinierend ist das Angedeutete und Ausgesparte.
"Die Rückkehr ans Meer" widersetzt sich gängigen Schemata: Liebe ist etwas nur selten Erreichtes und kann zwischen Menschen unterschiedlichen oder des gleichen Geschlechts sich ereignen, denn alle sind auf der Suche nach ihrem Platz im Leben; Geschichten verlaufen nicht geradlinig und sind selten berechenbar, die Geschichte dieses Films beginnt mit dem Tod und endet mit dem Leben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Satz "Ich muss wieder lernen zu leben und zu lieben", der nach einem Neubeginn und einem Anfang klingt, erst ganz am Ende des Films gesprochen wird.
Für Freunde des französischen Films, die die leisen Töne lieben, sehr empfehlenswert!
In den Extras sind neben Trailer, Trailershow und Fotostrecke noch Eindrücke von den Dreharbeiten am Meer enthalten, die aber nur in französischer Sprache ohne Untertitel angeschaut werden können.