K. hat mit seinem Text ein großes Buch vorgelegt. Das gilt für den Umfang, mehr aber noch für Breite und Tiefe seiner Gedanken. Ein Hauptanliegen ist K. die Kritik an etlichen kirchlichen und theologischen Traditionsbeständen, die, wie er immer wieder überzeugend darlegt, dem Wachstum religiösen Lebens eher hinderlich als förderlich sind. K. insistiert darauf, dass alles Reden von Gott immer nur vorläufiges Reden sein kann, weil Gott grundsätzlich größer zu denken ist, als es in einem Bekenntnis ausgedrückt werden kann. Diese Anschauung durchzieht das Buch wie ein roter Faden. Seine Darlegungen sind stets kenntnisreich, klar und oft auch angriffslustig formuliert, häufig aber hat sich in meine Freude über kühne Gedanken Ärger gemischt, weil sich K. im Dickicht der christlichen Traditions- und Glaubensbestände dann doch nicht so gut und souverän zurecht findet, wie er dem Leser glauben machen möchte. Das lässt sich leicht an einigen Beispielen plausibel machen.
1. Zu Recht stellt K. fest, dass der Glaube an Kreuz und Auferstehung in der Regel eine theologisch nicht zu rechtfertigende Vernachlässigung, ja Ausblendung des Lebens Jesu zur Folge hat. K. möchte stattdessen wieder das Leben Jesu zum Ausgangspunkt christlichen Nachdenkens aufwerten, wiederholt dabei aber (unter umgekehrtem Vorzeichen) den Fehler der Gegenseite. Statt nämlich Leben Jesu auf der einen, Tod und Auferstehung auf der anderen Seite in eine vernünftige Balance zu bringen, wird bei ihm die Auferstehung Jesu völlig ausgeblendet. Das freilich ist zum Mindesten unverständlich.
2. K. meint zu Recht, Glaube sei vor allem Vertrauen zum Urgrund des Lebens, und dieser Urgrund sei der Gott der Liebe (184 u.ö.). Leider belässt er es nicht bei dieser Positionierung. An anderer Stelle erschüttert er die eigene Position und macht sich, wie viele andere Theologen übrigens auch, lustig über das gerade noch vertretene Gottesbild. Da ist dann von auffallend harmlosen Gottesbildern die Rede (243), vom ausschließlich lieben Gott (ebd.), demgegenüber er den eifersüchtigen, zornigen, ja vernichtenden Gott gerettet wissen möchte. Passt das gut zusammen? Empfinde nur ich das als Widerspruch? Bzw. etwas weiter gefragt: Warum sollte man eigentlich einem eifersüchtigen, zornigen, ja vernichtenden Gott vertrauen? Müsste nicht der (nach eigenem Bekunden) psychologisch geschulte K. wissen, dass all das Attribute sind, die Vertrauen quasi zwangsläufig unmöglich machen?
3. Gewohnt provokant formuliert K., Religion ziele nicht auf Trost ab, nicht auf Hilfe, sondern auf Bewusstseinwandel (36). Zugespitzt heißt es: Gott greift nicht ein (was im Übrigen schon in der Passion Jesu Bestätigung finde). Eine solche blässliche Erwartungslosigkeit Gott gegenüber geht aber offenbar auch K. zu weit. An sehr viel späterer Stelle (249) weiß auch er davon, dass Gott bisweilen sehr wohl eingreift und hilft, nur (so gibt er nun zu bedenken) dürfe man daraus keine Lehre ableiten. Das passt nicht gut zusammen: Entweder Gott hilft nicht oder er tut es doch. Letztlich schimmert durch diese Widersprüchlichkeit freilich nicht nur eine gedankliche Schwäche, sondern, mehr noch, eine verkümmerte Sensibilität gegenüber Menschen in konkreter Not. K.s kluge Religion ist eine Religion für privilegierte Menschen, bedürftigen, armseligen Menschen hingegen hat sie wenig zu bieten. Das wird noch deutlicher beim folgenden Punkt.
4. Nach K. lassen sich Gott und Religion an vielen Stellen erfahren, insbesondere in der Sphäre des Geistigen (250) und in der Meditation (251). Das könnte man so stehen lassen, würde K. nicht an anderer Stelle wieder so aalglatt und theologisch falsch gegen ein anderes religiöses Erfahrungsfeld polemisieren: das der Diakonie. K. meint verächtlich, die Kirchen präsentierten sich öffentlich als ethisches Unternehmen und nicht als Religion (93). An anderer Stelle ist für ihn Diakonie lediglich Sozialhilfe (283), und bei den Handlungsfeldern einer klugen Religion taucht die Diakonie erwartungsgemäß gar nicht erst auf. Wenn Menschen sich über gesellschaftliche Gräben hinweg einander zuwenden, helfen und dabei etwas von der Gegenwart des Reiches Gottes erleben, dann ist das allerdings gerade auch in religiös-spiritueller Hinsicht höchst bedeutsam und entspricht im Übrigen auch der Lehre und dem Leben Jesu in hervorragender Weise (vgl. u.a. Mat 25, 31ff). Wieso allerdings, so fragt man sich, weiß K. das nicht?
5. K. plädiert aus guten Gründen dafür, Kommunikation über religiöse Erfahrung zu einer zentralen Aufgabe von Kirche zu machen (297ff). Ein gutes Beispiel dafür, wie solche Kommunikation nicht aussehen sollte und darf, ist K.s Buch. Mit seiner stets überheblichen, andere Positionen verächtlich machenden Art lädt er nicht zum ergebnisoffenen, spannenden Diskurs ein, sondern provoziert schweigendes Kopfschütteln.
Die Schwäche von K.s Buch ist nicht in erster Linie seine an zentralen Punkten schwächelnde gedankliche Konsistenz und auch nicht sein auf mich sehr befremdlich wirkender überheblicher Tonfall. Am meisten irritiert hat mich sein mangelhaftes Verständnis für die diakonische Dimension einer (wenn man denn K.s Duktus übernehmen möchte) klugen Religion. Das, was bei ihm zu diesem Thema zu lesen ist, ist schlechterdings nicht klug, und erst recht nicht ist es im Geiste Jesu geschrieben. Irgendwie hat sich bei mir am Ende des Buches der Eindruck eingestellt, dass K. eine flott formulierte religiöse Schützenhilfe für den Neoliberalismus vorgelegt hat, dem ja auch jedes diakonische Tun fremd und suspekt ist. Das mag modern und zeitgemäß und von mir aus auch 'religiös' sein, christlich indes ist es nicht.