An Mommnsens 'Römische Geschichte' ist einfach alles monumental: Das Thema des Werkes, ebenso wie ihr Umfang und die geistige Spannkraft de Autors. Mommsen bearbeitet auf 1000 Seiten die gesamte Geschichte der römischen Republik von den dunklen Anfängen als verkehrsgünstiger Knotenpunkt am Tiber, über die Monarchie der Traquinier, die Entstehung der Republik und ihr langer Aufstieg zur ersten italischen Macht, das Ausgreifen in den Mittelmeerraum bis zur hundertjährigen Epoche der sozialen Unruhen und Bürgerkriege, die mit Caesars Sieg über die letzten Republikaner 46 in den Augen von Mommsen ihr historisches Ende fand. Doch nicht nur politische und militärische Ereignisgeschichte, sondern ebenso auch Soziales wie etwa die Klassenkämpfe zwischen Plebejern und Optimaten und ökonomische Faktoren finden ihr angemessenes Gewicht bei Mommsen.
Worin liegt die Stärke der 'Römischen Geschichte'? Die größte einzelne Qualität des Buches liegt zweifellos in der Fähigkeit Mommsens angesichts eines 700-jährigen Zeitraum mit einer fast unerschöpflichen Ereignisfülle klar zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem, Bleibendem und Vorübergehenden, zwischen dem 'roten Faden der Geschichte' und seinen unzähligen nur scheinbaren Verästelungen und Sackgassen zu unterscheiden. Dabei kommt ihm zugute, dass er in der Geschichte der Republik einen echten historischen Sinn und Zweck erblickt, nämlich zum einem die Bewahrung und Inkorporierung des antiken Erbes der griechischen Hochkultur vor dem zerstörerischen Ansturm der Barbaren und zum anderem die Transformation der republikanischen Staatsform zu einer Universalmonarchie im Zuge der sukzessiven römischen Expansion über die Grenzen der ursprünglichen civitas hinaus als notwendige Anpassung an den Wandel der historischen Situation. Die ganze Republik kulminiert und findet seinen Abschluss zugleich in der Lichtgestalt Caesars.
Man merkt schon, Mommsen ist ein Kind des 19. Jh. und kann den Einfluß des damals blühenden Historismus mit seinem Schwergewicht auf die historische Einzelpersönlichkeit und dem Sinn der Geschichte nicht ganz verhehlen. Gleichwohl ist seine Geschichte keineswegs von einem zweifelhaften Determinismus a la Marx erfüllt, sondern er erfasst mit sicherem die Kontingenität aller Geschichte.
Die Sprache Mommsens zeichnet sich durch eine gedankliche Schärfe und Klarheit aus, so dass auch seine gewöhnlich längeren Satzstrukturen flüssig und angenehm zu lesen sind. Sein Urteil ist ebenso deutlich und scharf wie fair und angessen (einzig sein Urteil über Cicero wirkt voreingenommen) seine Charakterisierungen der historischen Figuren ein echter Höhepunkt der deutschen Literatur überhaupt.
Das Werk ist in vier Hauptkapitel mit zahlreichen Unterkapiteln unterteilt und ermöglicht einen selektiven Zugriff. Dennoch eignet sich das Buch keineswegs als Nachschlagewerk, es handelt sich bei der 'Römische Geschichte' vielmehr um ein Werk der Historiographie durch und durch.
Die 'Römische Geschichte' erhielt 1902 den Literaturnobelpreis, volle 50 (!!) Jahre nach ihrem Erscheinen und als erstes und einziges Geschichtswerk bislang überhaupt. Der Begründung der Akademie kann ich mich nur voll anschliessen: Ein zeitloses Werk, bei dem der monumentale Anspruch des Themas seine würdige Entsprechung in der Sprachkraft und Darstellungsgabe seines Autors findet. Wenn auch die Geschichtswissenschaft nicht stehen geblieben ist und in mancher Einzelfrage Mommsens Werk nicht mehr up to date ist, so bleibt 'Römische Geschichte' als Gesamtdarstellung des Stoffes unerreicht. Wer Geschichte als Geschichte erzählt lesen will und die nötige Ausdauer & Zeit mitbringt, ist hier genau richtig.
Ein Klassiker der Weltliteratur, wenn denn einen gibt.