Als ich das Buch "Räuberhände" von Finn-Ole Heinrich in meinen Händen hielt, hatte ich noch keine Ahnung, wie sehr mich dieses Buch faszinieren wird. Außer den kurzen Zitaten aus verschiedenen Medien, die das Buchcover verzieren und dem Klappentext, der wenig Auskunft über die zu erwartende Geschichte gibt, habe ich nichts über das Buch gewusst und wollte dies auch nicht. Somit konnte ich mir mein eigenes Bild von dem Roman machen und wusste nicht, was mich in dem Roman erwarten wird.
Normalerweise lese ich nur mehrteilige Fantasy-Romane, die alles andere als nah an der Realität sind wie z.B. die Harry Potter oder Eragon Reihe. Somit war der Roman "Räuberhände" so gut wie Neuland für mich.
Während des Lesens war ich in Gedanken nicht mehr auf dem Sofa, sondern immer bei Samuel und Janik, denen man gerne beim erwachsen werden folgt. Das Buch hat mich sehr in seinen Bann gezogen und wenn ich mal Pause machen musste mit dem Lesen, dann habe ich mich immer darauf gefreut zu erfahren, was als nächstes passiert. Meine Leseerfahrung fällt also komplett positiv aus.
Meine Lesefreude setzte sich aus vielen kleinen Stücken zusammen und ergaben am Ende ein komplettes großes, positives Bild.
Zum Einen bietet das Buch eine unglaubliche Bandbreite an persönlichen Identifikationsmöglichkeiten. Mit den Hauptfiguren konnte ich mich gut identifizieren. Janik habe ich als sehr gefühlvollen und fürsorglichen Menschen kennengelernt, der offener dafür ist, über eigene Gefühle zu reden und der nicht so verschlossen und "stark" wie Samuel ist. Dass die beiden Hauptfiguren so unterschiedlich sind und doch trotzdem durch dick und dünn zusammen gehen, finde ich sehr bewundernswert. Dadurch schafft der Roman ein Bild von Freundschaft, welches in vielen Hinsichten erstrebenswert ist. Die Pubertät ist die Zeit, in der die Eltern schwierig werden und die jeder Mensch durchmachen muss. Ich persönlich konnte somit den Drang nach Freiheit, sowie die Suche nach sich selbst, sehr gut nachvollziehen, weil ich diese Zeit selber gerade erst durchgemacht und in manchen Hinsichten sicher noch nicht abgeschlossen habe.
Ein anderer Punkt, der zur Lesefreude geführt hat war die Sprache. Der Autor hat einen, an die Jugendsprache angepassten Sprachstil verwendet, der einem den Lesefluss ermöglicht und dem es an Fachwörtern, sowie verschachtelten Satzstrukturen mangelt. Gleichzeitig war die Sprache aber auch sehr bildhaft und gefühlvoll, sodass man sich gut vorstellen konnte, wo sich die Personen gerade befinden und wie sich die Personen in bestimmten Umgebungen fühlen.
An ein paar Stellen hat mich das Buch auch verwirrt, zum Beispiel habe ich mich immer gefragt, ob Janik mehr als nur Freundschaft für Samuel empfindet, weil immer Andeutungen gemacht worden sind, dass er ihm nah sein möchte. Diese anfängliche Verwirrung führte dann eher zu Spannung, weil ich herausfinden wollte, ob sich dieser Strang weiterentwickelt oder sich irgendwann verliert.
Eine kleine Schwierigkeit am Anfang war, dass man sich erst einmal bewusst machen musste, dass es drei verschiedene Handlungsstränge gibt, die zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben von Janik stattfinden und am Ende alle zusammen führen. Dies hat sich aber schnell wieder gelegt, als man den Aufbau des Romans durchblickt hat.
Ich habe während des Lesens die ganze Zeit darauf geachtet herauszufinden, warum der Autor das Buch "Räuberhände" genannt hat. Oberflächlich gesehen bezeichnet der Ausdruck die Hände von Samuel. Wenn man jedoch rückblickend auf die komplette Handlung schaut beschreiben sie genau das, was die beiden Jungs in der Pubertät durchmachen mit besonderem Augenmerk auf Samuel.
Er achtet sehr auf sein gepflegtes Äußeres, jedoch spiegeln seine kaputten Fingerkuppen seinen inneren Kampf wider und was er mit Worten nicht ausdrücken kann. Er hat gelernt, sehr stark zu sein und seine Gefühle unter seinem harten Äußeren zu verbergen, denn Schwäche konnte er während seiner Kindheit nicht zeigen, weil seine Mutter alkoholabhängig war und bis zu ihrem Tode auch noch ist. Er musste für sie stark sein und durfte nicht an ihrer Alkoholsucht zerbrechen. Dieser innere Kampf zwischen Fürsorge und Kraft für seine Mutter und der Drang nach Freiheit und die Selbstfindung spiegeln sich in dem Titel "Räuberhände" wieder.
Der letzte Punkt, der mir erst ganz zum Schluss aufgefallen ist, aber das Buch noch interessanter gemacht hätte ist der, dass zu jedem Kapitelbeginn ein kleiner Text steht, der, wenn man alle nach einander liest, eine eigene kleine Geschichte ergeben. Dort ist Janik in der Wohnung von Irene und Samuel und räumt diese nach ihrem Tode aus. Während des Lesens habe ich das wirklich geniale Extra, welches Auskunft über das Ende gibt, leider nicht ganz verstanden bzw. bemerkt. Rückblickend finde ich es jedoch sehr gelungen.
Alles in einem finde ich das Buch einfach nur faszinierend. Besonders für Jugendliche, die selber den Drang verspüren, die Welt selbst zu entdecken und frei von elterlichen Regeln zu sein, ist das Buch sehr zu empfehlen.