KATEGORISCHER IMPERATIV
"Ich frage mich gerade, was wohl Kant dazu gesagt hätte." Das sagt der Akade-mikersprößling Charles Van Doren, als ihm angetragen wird in der großen
Quizshow "21" mitzuwirken und die Antworten auf die Fragen schon vorher zu wissen. Ganz in der Tradition seines Übervaters, des hoch angesehenen Lite-
raturprofessors Mark Van Doren gelangt er zu dieser Frage, die er den Pro-
duzenten des TV-Quizes stellt. Dieser Charles, dargestellt von Ralph Fien-
nes, einem großen Publikum bekannt geworden durch seine Rolle als Amon
Goeth, des KZ-Schinders in dem Film "Schindlers Liste", ist zu diesem Zeitpunkt der wahren Geschichte noch ein ehrbarer Dozent an einem angesehenen
College - nach und nach wird er aber zunehmend ein Opfer seiner eigenen
Eitelkeit.
Ralph Fiennes führt mit seinem hervorragendem Spiel ein wahrhaft großes
Schauspielerensemble an, zu dem neben ihm noch John Turturro als jüdischer
Verlierertyp aus Queens namens Herbert Stempel, Rob Morrow in der Rolle
des ehrgeizigen Bundesanwalts Richard Goodwin und Paul Scofield, der den
Mark Van Doren spielt, gehören. Dieser Mark Van Doren verkörpert die nicht
korrumpierbare Akademikerwelt, deren Glaube an Gewissen und Moral unerschät-
terlich ist, die aber zugleich ihre Umwelt mit einer ma?losen Arroganz be-
handelt. Paul Scofield knüpft hier fast nahtlos an seine Rolle als Thomas
Moore in dem Gewissen-Drama "Ein Mann zu jeder Jahreszeit" von Fred Zinne-
man aus dem Jahre 1966 an. Das Gewissen und die aufrechte Moral sind das absolute Gut, dem sich alles unterordnen muß, selbst das Wohlergehen seiner Familie, der er in beiden Fällen als unangreifbarer Patriarch vorsteht.
In diesem Falle bleibt nur sein Sohn auf der Strecke der unerreichbaren
Ideale des Vaters.