Ich habe diesen Film vor allem gekauft, weil ich als Fan von Kate Winslet und vor allem von Joaquin Phoenix, diesen Film ganz einfach haben musste. Gleichzeitig mag ich auch Kostümfilme. Ich stellte mir ein schlüpfriges Sittengemälde a la "Gefährliche Liebschaften" vor und fand etwas ganz anderes: Ein bestürzender Blick in die Abgründe der menschlichen Seele.
Das Drehbuch wurde nach einem Theaterstück verfasst und das merkt man dem Film auch an, der von scharfsinnigen Dialogen und einer bühnenhaften Atmosphäre lebt.
Um eines klar zustellen: Wer sich auf einen romantischen Kostümfilm eingestellt hat, wird sich vielleicht entsetzt abwenden. Das ist schon harter Stoff. Wer Lust hat, sich an einem unanständigen Film zu erfreuen wird ebenso enttäuscht sein, genauso wie derjenige der denkt, es handele sich um einen biographischen Film über den Marquis De Sade. Dies ist meines Erachtens kein Film, der sich wirklich der historischen Figur De Sade n'hert und der Film rekonstruiert auch nicht haarklein die Zeit, die er tatsächlich im Irrenhaus verbracht hat. Vielmehr wird hier "de Sade" vielleicht eher als Symbol für die obszönen und entlarvenden Abgründe im Allgemeinen genommen. Eine Parabel über die oft gewaltsame Verdrängung, der als zerstörerisch angesehenen, provozierenden "abartigen" Auswüchse des Menschen, die auch politisch aufrührerisch gedeutet werden können und nicht zuletzt um deren künstlerischen Ausdruck!
Und was macht der "anständige" Mensch mit dem Anstößigen? Man erklärt gewisse Menschen für verrückt. Man sperrt Befallene in Kerker oder versucht durch Folter ihre Seele zu reinigen. Zumindest aber, wird verboten,dass diese Ergüsse öffentlich ausgesprochen oder gar gedruckt werden. Oder man schlägt gleich Köpfe ab: Eine (witzigerweise sado-masochistisch angehauchte ;-)) Szene an der Guillotine, wo eine unkeusche Adlige hingerichtet wird, zeigt dies sehr eindrücklich in der genialen Eingangssequenz.
De Sade hat Glück und kommt "nur" in ein Irrenhaus.
ZUR HANDLUNG:
1813 bei Paris
Der alternde Marquis de Sade (Geoffrey Rush ) verbringt seine letzten Lebensjahre im "Charenton", einer Klinik für Geisteskranke. Hier geht er seiner Tätigkeit als Schriftsteller nach und bringt mit seinen Erzählungen das Leben von Mitinsassen und Aufsehern gleichermaßen aus dem gewohnten Anstaltstrott.
Der Anstaltsleiter ist der liberale und fortschrittlich denkende Pfarrer Abbe Coulmier (Joaquin Phoenix) , der mit seinem christlich-humanistischen Ansatz die verrückten Insassen als vollwertige Menschen betrachte, sie künstlerisch und mental fördert und an das Gute an Ihnen glaubt. De Sade darf mit seiner Erlaubnis schreiben, die Schriften werden aber nur heimlich nach draußen geschmuggelt, gedruckt und verbreitet.
Napoleon Bonaparte bekommt Auszüge aus "Justine" vorgelesen, befürchtet den moralischen Untergang der Nation und ordnet die Hinrichtung des nur als anonym bekannten Autoren an. Nun will man De Sade mit Hilfe eines anerkannten Psychiaters zur Räson bringen: Dr. Royer-Collard (Michael Caine) ist bekannt für seine besonders barbarischen Methoden. Der grausame Doktor nimmt die Herausforderung an, den unbezähmbaren Marquis de Sade zu zügeln. Er verkörpert den Klerus und die Macht. Als er merkt, dass ausgerechnet De Sade ihm frech dem Spiegel vorhält, in dem er seine eigene doppelte Moral entlarvt, werden alle Mittel recht um ihm das Maul zu stopfen. Unter dem Druck von Dr. Royer-Collard und um De Sade zu schützen, verweigert der Anstaltsleiter Abbé Coulmier De Sade künftig den Zugriff auf Federkiele (Quills), Tinte und Papier. Der lässt sich dadurch allerdings nicht vom Schreiben abhalten und zeigt, was die Möglichkeiten für alternatives Schreibmaterials betrifft, keine Phantasielosigkeit. ;-) Hier könnte es etwas eklig werden.....
Außerdem spielt eine Magd, (Kate Winslet) eine wichtige Rolle, denn sie verkörpert die Neugierde und Verführbarkeit des Menschen, ist aber gleichzeitig auch die verletzlichste Person. Sie ist die heimliche Komplizin De Sades, führt ihn selbst, aber auch den Anstaltsleiter und einen der Irren in erotische Versuchungen. Und erliegt ihnen auch selbst, den Versuchungen. So nimmt das Schicksal seinen Lauf....
(Ich könnte es nun auf die Spitze treiben und De Sade einfach als das "ES" bezeichnen, die Magd und den Anstaltsleiter als die beiden widerstreitenden "ICHs" und der mächtige Dr. Royer-Collard als das "ÜBER-ICH." sorry - *räusper* ;-) Dieser Film lässt aber stets mehrere Lesarten offen.)
DIAGNOSE: Ein düsteres und demonstrativ provozierendes Plädoyer für das freie Wort und gegen Zensur. Wem dies alles nicht zu gewollt ist und sich auf einen anstrengenden und schockierenden Film einlassen will, der darf sich aber auch auf einen sehr schön ausgestatteten und fotografierten Film freuen! Er wird, trotz des heftigen Stoffes, auch mit einer ordentlichen Portion Sinnlichkeit und Romantik versüßt und bietet gleich vier absolut hochkarätige Schauspieler. Joaquin Phoenix konnte hier mal wieder zeigen, wie genial er vielschichtige und zerrissene Persönlichkeiten spielen kann, Kate Winslet (sinnlich) und Michael Caine (gnadenlos) sind wie immer hervorragendst und Geoffrey Rush mimt den Marquis De Sade zum Nägelhochrollen gut! Für Hauptdarsteller Geoffrey Rush, die Kostüme und die Ausstattung gab es auch Oscar-Nominierungen. Quills wird zu Unrecht selten gezeigt, die Kritiker feierten den Film 2001 in den USA immerhin als besten Film des Jahres.
Eine Herausforderung für den gemütlichen DVD-Abend, aber deutlich mehr Lust als Qual. ;-)
Die DVD hat leider nichts zu bieten, nur englischer und deutscher Ton in 5.1 und Untertitel in englisch und deutsch für Hörgeschädigte.
Originaltitel: Quills
USA 2000
123 min
Regie: Philip Kaufman
*Marquis de Sade - Geoffrey Rush
*Der Anstaltsleiter Abbe du Coulmier - Joaquin Phoenix
*Die Magd Madeleine LeClerc - Kate Winslet
*Dr. Royer-Collard - Michael Caine