Das erste Oratorium Rihms ist immerhin schon 1984 uraufgeführt worden ("Dies"), doch bis zu "Deus Passus" musste es reichen, bis er sich der Bibel widmete und endgültig zum Staatskomponisten avancierte - dass er Deutschland wohl am besten vertreten kann, zeigte schon das "Requiem der Versöhnung" (an dem auch Paul-Heinz Dittrich Anteil hatte für den Osten Deutschlands). Wenn man also von den wichtigsten Notenschreibern der populärste ist in einem Land, kann es passieren, dass sich eine Bedienermentalität Bahn bricht, Wiederholungszwang wegen wohliger Wiedererkennungsbeklatschung, das dann womöglich als "Neue Anschmiegsamkeit" etikettiert wird. Ich wüsste nicht, warum ausgerechnet "Quid Est Deus" dieser Vorwurf zu machen wäre, und trotzdem las ich in wichtigen Tageszeitungen und Musikportalen, dass Rihm nur das abgeliefert hätte, was von einem Wichtigkünstler für die Elite zu erwarten ist. Ob nun aber einminütige Pausen, Geflüster der Orchestermitglieder, Klopfen auf den Korpus oder Mikroereignisse geräuschhafter Art, auf die Rihm verzichtet, ein Stück gleich zur allergrößten, einsamsten und somit langlebigsten Kunst machen, kann ich mit einem entschiedenen "Nein" beantworten. Rihm entwickelt sich in vielen (nicht in allen) Werken seit Ende der 90er zu einem Klassiker, nicht nur weil er der Tonalität geringfügig oder etwas großzügiger näher rückt, sondern weil sein Einfallsreichtum, seine dramaturgische Überraschungskraft nicht im Mindesten nachgelassen hat. Allein schon die Wahl der Textgrundlage für "Quid est deus" zeigt (es lohnt sich offensichtlich, die "Süddeutsche" zu lesen), dass hier jemand nicht irgendwo die Bibel aufschlägt und ein paar sakrale Tönchen absondert. Hier scheint der spätere Stravinsky durch, es mögen dem einen oder anderen auch Mahler oder Berg erscheinen in einer Partitur ohne Violinen, ohne Klarinetten, ohne Hörner. Neotonal ist das noch lange nicht. In der Erinnerung wirkt "Quid Est Deus" fast so, als sei es nur für Blechbläser und Stimmen komponiert, eher monochrom, eingedunkelt, bei weitem nicht so farbig und quasi-lyrisch, wie es "Deus Passus" zuweilen sein konnte. Ich habe länger gebraucht, um die 24 Definitionen Gottes in der Rihmschen Version für etwas Großes zu halten, aber nur ein oder zwei Hördurchgänge sind - wie so oft - kaum vielsagend genug, um darüber halbwegs hellsichtige Worte zu verlieren. Ein Werk wie ein behauener Block, dem man immer noch ansieht, dass er mal ungeschliffener Stein war. Rihm hat eine eingebaute Kitschbremse. Es ist unmöglich, dass er uns einsüßt oder Pro-Forma-Avantgarde-Gefloskel mit reflexhaften Melodienbächlein mischt. Die früheren Kompositionen auf diesem Tonträger sind dagegen dornig, unnahbar, langweilig. "Frau/Stimme" hat mir schon immer missfallen, etwas Brauchbares kann ich dazu nicht mitteilen. Etwas interessanter ist da eher "Ungemaltes Bild". Mir scheint, da fehlt ein solistisches Intrument im Vordergrund, als sei der Cellist oder der Klarinettist nicht erschienen, und das Orchester muss eben den eigenen Part notgedrungen absolvieren. Es ist anfänglich zaghaft und durchpaust, mit plötzlichem, stechendem Schlagwerk, der Musik von "Tutuguri" nicht unähnlich, um dann allmählich dichter zu werden, doch es bleibt Zeichnung statt Malerei, Studie statt Vollendung.