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Am vornehmen Trinity College hat es Daniel Waterhouse, ein Urahn der gleichnamigen Figur in Cryptonomicon, als Sohn eines armen Puritaners unter lauter Adelssprösslingen schwer. Trotzdem gelingt es ihm, mit dem jungen und genialen Isaac Newton Freundschaft zu schließen. Gemeinsam führen sie riskante -- und oft hahnebüchene -- Experimente durch und machen sich einen Namen als Naturphilosophen.
Unterdessen versucht der Londoner Herumtreiber Jack Shaftoe -- auch dieser Name ist uns aus Cryptonomicon bekannt -- in den Wirren der Türkenkriege am Leben zu bleiben. Während der Belagerung von Wien im Jahr 1683 gerät er an die Haremssklavin Eliza, die sich nicht nur als äußerst schön, sondern auch als über die Maßen intelligent erweist. Ihre herausragenden kaufmännischen Fähigkeiten ermöglichen ihr alsbald den Aufstieg in höhere Adelskreis, eine Karriere, die für eine Frau von einfacher Abstammung allerdings auch einige Gefahren in sich birgt ...
Es ist unmöglich, den zahlreichen Figuren und Handlungssträngen dieses Mammutwerkes in wenigen Zeilen gerecht zu werden. Neal Stephenson hat ein kluges, witziges und in jeder Beziehung atemberaubendes Buch geschrieben. Quicksilver ist Historienschmöker, Wissenschafts-Thriller und Schelmenroman -- und lässt sich doch in keiner Schublade unterbringen. Literatur auf diesem Niveau zeigt, wie gegenstandslos Diskussionen über Genrezuordnungen oder E- und U-Literatur eigentlich sind.
Auf Englisch sind die beiden Folgebände The Confusion und The System of the World bereits erschienen. Warum der deutsche Verlag beschlossen hat, den Buchtitel im Original zu belassen, ist nicht ganz nachvollziehbar. Trotzdem ist Quicksilver eine hundertprozentige Empfehlung, denn das TIME MAGAZINE hat Recht: Sie werden sich wünschen, dass das Buch nie zu Ende geht! --Hannes Riffel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Und damit wendet das Buch sich dem Jahr 1655 zu und entführt den Leser nach Cambridge, wo Daniel und Isaac als arme bürgerliche Studenten unter lauter Adligen leben und studieren müssen. Daniel ist der Sohn eines puritanischen Predigers, ein guter Beobachter, aber niemand, der selbst die Initiative ergreift. Isaac ist da ganz anders. Er will alles wissen, von der Theologie springt er zur Mathematik und von da zur Alchemie.
Damit ist auch der Rahmen des Buches abgesteckt. Es geht um die aufkommende Mathematik und Naturwissenschaft am Ende des siebzehnten Jahrhunderts und wir Leser treffen sie alle, Sir Isaac Newton, dessen Principia zwei Jahrhunderte lang das Weltbild prägen sollte, den holländischen Uhrmacher und Astronomen Christian Huygens, Christopher Wren, Robert Hooke und all die anderen, die die Welt mit neuen Theorien auf den Kopf stellen und die genialsten wie albernsten Experimente anstellen.
Stephenson gelingt es, dem Leser daran teilhaben zu lassen, wir erfahren, wie schwierig sich die Experimente ohne brauchbare Messgeräte gestalten, wie wichtig es wird, als Huygens eine Pendeluhr erfindet, die wenigstens eine halbwegs genaue, zuverlässige Zeitmessung in Sekunden gestattet. Überhaupt erfahren wir, wie viel wir auch in ganz banalem Alltag dieser Zeit verdanken - die Erfindung der Wasserwaage wird im Buch ebenfalls gestreift. Alchemie und Naturwissenschaften hängen noch eng zusammen, obwohl sie heute so gerne als Gegensätze gesehen werden.
Eine zweite Ebene des Buches spielt auf den gerade eröffneten Börsen von Amsterdam und London, die den Beginn der Finanzwelt, wie wir sie heute kennen, bilden, mit ersten Spekulationen, Kursmanipulationen und manchem mehr. Auf diesem Parkett bewegt sich die zweite Heldin des Buches, die ehemalige Haremssklavin Eliza, überraschend geschickt, was ihr am Ende den Titel einer Gräfin einträgt. Und da sie mit Leibnitz befreundet ist und eifrig mit ihm korrespondiert, bleibt es nicht aus, dass das Buch auch manche Teile über neue Geheimschriften und die Möglichkeiten der Spionage enthalten.
Wir erleben auch die Politik dieser Zeit, die Kriege Louis XIV, die Belagerung Wiens, die Restauration, als Charles II. nach Cromwells Tod wieder die Macht in England ergreift, gefolgt von englischen Adligen, die in Frankreich aufgewachsen sind und einem Bruder, der katholisch (also papistisch) ist und bei den Engländern die schlimmsten Befürchtungen auslöst. Nur langsam gewinnt die Auffassung, dass jeder nach seinem Glauben leben darf, an Boden, noch neigt kaum eine der verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen zur Toleranz.
Leider leidet der Autor Neil Stephenson leidet wie so manch anderer unter chronischer Diarhoe verbalis (vulgo: Wortdurchfall), „Quicksilver" ist nur einer von drei Bänden und selbst der umfasst bereits über tausend Seiten. Zu viele, um das Buch einfach im Bett oder der Badewanne zu lesen, eher scheint es geeignet, jemanden damit zu erschlagen.
Immer wieder beschreibt der Autor uns Details seiner sorgfältig recherchierten Geschichte, verliert sich in zahllosen Einzelheiten, manchmal werden auch geduldige Naturen den einen oder anderen Absatz überspringen. Vor allem am Anfang tut sich der Leser hart, in die Geschichte hinein zu finden, die eigentlich keine Geschichte ist - jedenfalls keine mit Anfang, Plot, Hauptperson und Ende-, sondern eine Vielzahl von Schicksalen auf dem Hintergrund des barocken Europas, eine Vielzahl von Ebenen, die der Autor häufig und gerne wechselt. Dafür erhält der Leser aber auch eine erheblich realistischere Schilderung des Barocks und einen Roman, der sich nicht an die 08/15 Regeln üblicher historischer Romane hält.
Doch das ist auch die Krux des Buches: Es liest sich alles andere als leicht, ist kein Pageturner, sondern ein Text, den sich der Leser langsam erlesen muss. Allerdings lohnt sich dieser Aufwand auch für den, der sich für Geschichte und die Entstehung der Naturwissenschaften interessiert. Man hat das Gefühl, dass man in eine andere Zeit getaucht wird, die Probleme und Verhältnisse dieser Epoche miterlebt und versteht und die Historie nicht nur ein farbloser Wandteppich für die üblichen Liebes- und Abenteuergeschichte herhalten muss.
(c) Hans Peter Roentgen
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