Wie schon Cryptonomicon ist auch Quicksilver kein Mainstream-SF, sondern Science Fiction im besten Sinne - im Lem'schen Sinne, so möchte man fast sagen, "Wissenschafts-Fiktion". Daß es darüberhinaus streckenweise unglaublich gut und unterhaltsam geschrieben ist, sei nur am Rande erwähnt. Worum geht es?
"Quicksilver" ist eine grandiose Reise in die Welt der frühen Enzyklopädisten und "Naturphilosophen", die die Grundlage für die modernen Naturwissenschaften und damit für die technische Welt legten, in der wir heute leben.
In diesem ersten Band eines auf drei Teile angelegten "Baroque Cycle", das wiederum in drei Bücher zerfällt, gelingt es Stephenson, die Welt um 1700 für mich lebendig werden zu lassen. Die "Handlungen" im eigentlichen Sinne wären schnell erzählt, und wiederum sind sie wie schon im "Cryptonomicon" in Zeit und Raum verschränkt, doch eigentlich handelt Quicksilver von den Gedanken, Motiven, Hoffnungen, Ängsten, Religionen einer ganzen Epoche; eine Geschichte der Wissenschaft und der Alchemie - kurz: ein lebendiges Panorma einer Zeit und ihrer Menschen.
Manch ein Leser mag damit nichts anfangen können und das Buch frustriert zur Seite tun, doch wer sich für (Wissenschafts-)Geschichte, Mathematik und Philosophie begeistern kann, wird dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen können. Andererseits ist das Buch natürlich kein "historischer Roman" - viele handelnde Figuren sind zwar in der Tat historische Personen, doch Quicksilver ist keine Kompilation von Biographien berühmter Männer des Barock; die Namen Newton, Leibniz, Hooke stehen - ähnlich der Person des Enoch Root, der wahrhaft als "Agent des Zeitgeistes" wie schon durch das Cryptonomicon auch durch Quicksilver streift - als Chiffren für die grundlegenden wissenschaftlichen "Strömungen" der Epoche.
Besonders plastisch wird - zumal im ersten Buch - in der Tat der "Wissenschaftsbetrieb" des frühen 18. Jahrhunderts; allerdings empfinde ich die Schilderung weniger als Karikatur sondern vielmehr als die Beschreibung des ernsthaften Bemühens, Wissenschaft von Alchemie, Wissen von Aberglauben zu scheiden. Daß es dazu erforderlich ist, einem Geköpften den Kopf aufzusägen, das Gehirn zu entfernen, einen Blasebalg an die Luftröhre anzuschließen und dann mit den Händen Kehlkopf, Zunge und Lippen zu bewegen, um so Laute zu formen und dadurch zu verstehen, wie die Anatomie der Sprache funktioniert - all das liest sich zwar wunderbar grotesk, zeigt aber auch den Mut, Dinge zu tun, die man nie zuvor gewagt hat auch nur zu denken.
Freunde des Helden Shaftoe aus dem Cryptonomicon kommen dann im zweiten Buch auf ihre Kosten, wenn Stephenson die verrückten Missionen des Bobby Shaftoe in die Welt der Musketiere und Mantel-und-Degen-Helden verlegt. Auch hier gelingen Stephenson wiederum wunderbare Momentaufnahmen der Zeit und ihrer Menschen.
Schwächen: Ja, wenige. Manchmal spürt man deutlich das Bemühen des Autors, eine bestimmte enzyklopädische Begebenheit, oder eine historische Person auf Teufel-komm-raus in die Handlung zu zwingen, und hier geht ihm dann leider die großartige Leichtigkeit verloren, mit der es ihm sonst in der Tat gelingt, Menschen, Orte, Handlungen zu beschreiben. Auch mancher Sprung zwischen den Zeitebenen wirkt etwas bemüht. Doch zu lang ist das Buch nicht.