Seeßlens Buch über Inglourious Basterds (im Folgenden: I.B.) ist ein bißchen wie ein guter Tarantinofilm: Es unterteilt sich in Abschnitte, die in etwas verschiedenen Tonlagen gehalten sind. Doch das fügt sich alles schon zu einer Einheit. Das Buch beginnt mit einer Art Vorgeschichte (u.a. mit Informationen zur Entstehungsgeschichte des Filmes), setzt sich fort mit einer detailgenauen Nacherzählung, als Drittes folgt ein Kapitel über bestimmte Filmsubgenres als Referenzen, und schließlich kommt die anspruchsvoll und allumfassend angelegte Interpretation. Wer Seeßlen schon mal gelesen hat, weiß, dass bei ihm Genie und Wahnsinn immer auf einem ziemlich schmalen Grat wandeln, dass er gelegentlich zu überlangen Sätzen und obsessivem Breittreten seiner semiologischen Theorien (oder einfach nur fixen Ideen) neigt, dass er vor verquasten Überinterpretationen nie ganz gefeit ist, aber dass er bei allem eine Freude an und ein quantitativ erstaunliches Wissen über Filmtrash hat. Auch in seinen abgedrehtesten Büchern finden sich immer noch bestechende Ideen. Diese Kombination macht es beinahe zwangsläufig, dass QT ihm liegt. Das vorliegende Buch ist für Seeßlen-Verhältnisse nicht allzu verschwurbelt geschrieben, es gibt ein paar wenige Stellen, bei denen sich gewisse Verdrehungen einschleichen, aber insgesamt geht es noch und ist im Gegenteil von Vorteil, dass Seeßlen sich auf eine gewaltige Höhe wagt. Man mag seinen Thesen nicht immer folgen, man kann sie aber zumeist nachvollziehen. Ob QT das alles in den Film reingetan hat, was Seeßlen herausholt, ist mir schnurz: Ein Kunstwerk kann ein Eigenleben entwickeln, und eine über weite Strecken gut geschriebene anspruchsvolle Deutung, die ab und an mal zweifelhaft ist, gefällt mir allemal besser als eine, die gar nicht den Mut hat, aufs hohe Drahtseil zu steigen. Seeßlens Drahtseilakt ist jedenfalls so, dass er nur selten wankt und nie fällt.
Das Buch ist auch optisch gelungen, vor allem durch diverse Schwarzweißfotos in guter Qualität, die nicht nur aus I.B., sondern auch aus diversen Referenzfilmen sind und immer an passender Stelle den Text ergänzen. Beim Register ist allein die Liste der Scores aus I.B. - immer mit Originalfilm, Regisseur und Komponisten - eine Fundgrube für sich. Weitere Details zum Inhalt: Die "Nacherzählung" ist viel mehr als nur das, sie hat schon Elemente einer Szene-für-Szene-Analyse, und das meiste besticht. Seeßlen hat unter anderem (typografisch vom Verlag gut kenntlich gemacht) entfallene Szenen aus der Drehbuchrohfassung eingebaut und kommentiert, was noch die eine oder andere zusätzliche Erkenntnis und interessante Interpretation bzw. Akzentverschiebung bringt (am gelungensten vielleicht die Verbindungen zwischen der Legende vom jüdischen Golem und einer entfallenen backstory des von Eli Roth gespielten "Bärenjuden"). Diverse Film-Assoziationen werden zumeist schlüssig begründet und von guten Hintergrundinformationen begleitet (warum ein Mitrezensent meint, das Buch sei schlecht recherchiert, ist mir offen gestanden nicht klar). Das geht soweit, dass Seeßlen nicht nur die meisten Filmzitate freilegt, sondern sich auch Gedanken über die Namensgebungen macht (beispielsweise durch Verknüpfung von Aldo Rays Kriegsfilmen der Fünfziger mit dem Rollennamen Aldo Raine in I.B.). Fast alles davon ist überzeugend, nur gelegentlich verliert sich Seeßlen in lexikalischer Fischerei im Trüben (ein Dorf in I.B. heißt "Nadine", Seeßlen liefert eine kurze Inhaltsangabe des Filmes "Nadine", aber was der mit I.B. zu tun hat, weiß Seeßlen - wie er indirekt selbst zugibt - auch nicht). Schwamm drüber, die Reichhaltigkeit ist doch so bestechend, dass diese ganzen Assoziationen eine ungemeine Bereicherung sind und das eine oder andere klarmachen, was man vielleicht ansonsten übersehen hätte. Allein für die auf den ersten Blick unpassende, aber letztlich genau passende Querverbindung zu dem Film "Paris - When It Sizzles" (= eine Dialogzeile in I.B.) kann man das Buch lieben: Es handelt sich um die meistunterschätzte, abgedrehteste Audrey-Hepburn-Komödie aller Zeiten, in der es um einen Film im Film im Film geht und in der alle Ebenen munter miteinander interagieren, einander die Logik durchkreuzen und die Grenzen zerschmettern. Klar, dass QT den mögen muss - in einem Film, in dem sich ebenfalls die Ebenen vermischen und die Kino-Kunst der Nazi-Barbarei den Krieg erklärt.
Damit sei übergeleitet zum interpretatorischen Teil, es geht natürlich in I.B. um den Sieg des Kinos über die Wirklichkeit, über die Geschichte. Tarantinos Krieg ist ein Krieg der Bilder, und als solchen fasst Seeßlen ihn auch auf. Doch geht Letzterer noch etwas weiter und stellt die kühne These auf, dass das auch ein Krieg des Kinos gegen das Kino sei. Das ist allemal brillant und interdisziplinär (kulturtheoretisch, semiotisch, geschichtlich, politisch) argumentiert sowie hochinteressant zu lesen, allein, es hat mich nicht so ganz überzeugt. Wenn Seeßlen hier meint, nach Auschwitz könne man eigentlich nicht mehr vom Krieg erzählen und die gesamte (Kino-)Kunst sei in einer Art postfaschistischen Falle gefangen, dann sieht er hier mehr Gespenster als ich (auch der Vergleich von Bundeswehrgelöbnissen zur NS-Ästhetik ist reichlich gewagt). Für ihn ist I.B. ein Befreiungsschlag, für mich war dieser Befreiungsschlag nicht ganz so nötig. Aber gut ist er, und es lohnt sich eine Beschäftigung auch mit der etwas anderen Ansicht von Seeßlen.
Uneingeschränkt gelungen ist das Buch hingegen, wenn es um die Entstehung des damaligen Nazismus und das Bild des kultivierten Nazis geht. Hier ist die politische Analyse zwar genauso pointiert, aber nach meinem Empfinden stichhaltiger, und Seeßlen gelingt ein beeindruckender Beitrag zu der auch unter Historikern tobenden Debatte, ob die Barbarei gerade in der Kultur oder gegen die Kultur möglich war. Seeßlen erteilt der These, dass Erziehung und Bildung das Schlimmste verhindert hätten, eine radikale Absage. Das mag angesichts der heutigen Erscheinungen am rechten Rand verwundern - aber bei einem Blick nach Frankreich, wo die Rechtsextremen viel stärker im kulturellen Establishment und in der bürgerlichen Oberschicht verwurzelt sind, schon weniger. Und es verwundert gar nicht mehr, wenn man sich beispielsweise einmal mit der Rolle von Beamten und Justiz im "Dritten Reich" und der davor liegenden Zeit beschäftigt. Das alles entfernt uns nie zu sehr von I.B. - natürlich finden wir die Figur des kultivierten Barbaren in Hans Landa wieder. Und auch wenn ich es als etwas billigen Plot-Trick empfunden hatte, dass dieser oberschlaue Schurke gepackt von seiner Eitelkeit in eine leicht zu erkennende Falle rennt: Vielleicht ist es ja doch konsequent, dass Aldo Raine diesem kultivierten Barbaren einen Strich durch die Rechnung macht.
In den Worten von Seeßlen: Genauer gesagt sind es sechs Striche.