Wer Mustererkennung gelesen hat, weiß was ihn erwartet: In üblicher Gibson Manier werden mehr oder weniger unbedarfte Protagonisten in den Strudel von Ereignissen gezogen, die sie weder kontrollieren können noch verstehen, nur um am Ende genau das Zünglein an der Wage zu sein, wodurch ein wünschenswertes Ende erreicht wird.
Der Roman spielt in derselben Zeitepoche wie Mustererkennung und ist auch als 2. Teil dieser Trilogie (auch eigenständig lesenswert) gedacht. Da wir dabei vom ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts sprechen ist die Zuordnung als Sci-Fi mehr Gewohnheit als akkurat. Genauso könnte man von einem Tech-Thriller oder Spionage-Thriller sprechen und er ist durchaus lesenswert für Fans dieser Genres, auch wenn sie mit der klassischen SciFi nichts anfangen können.
Gibson zeichnet ein düsteres Bild des post-9.11 Amerika, wobei die genaue Herkunft dieser düsteren Grundstimmung im Dunkeln bleibt, oberflächlich hat sich ja nichts geändert. Gibson lässt den Leser aber immer wieder dahinter blicken, wo sich schockierende Entwicklungen abzeichnen (allerdings nichts, was man nicht eh schon vermuten hätte können). Wie gewohnt zeigt er dem Leser außerdem eine interessante futuristisch anmutende kulturelle Entwicklung/neue Strömung, dieses Mal augmented Reality als Kunstform.
Der deutsche Titel "Quellcode" entsprang reinem Profitdenken des deutschen Verlags und hat genauso wie die meisten Titelbilder (cover art) weder was mit dem Originaltitel (spook country), noch mit dem Inhalt des Buches zu tun. "Quellcode" soll einfach nur nach Gibson klingen, grenzt bei der üblichen Leserschaft Gibsons allerdings schon an Beleidigung ihrer Intelligenz. Denn wer sich nach dem Titel Cyberpunk in Reinkultur erwartet wird enttäuscht werden. In dieselbe Kerbe schlägt der Klappentext, denn der ominöse Container taugt mehr als MacGuffin denn als Motor oder Ursache weltbewegender Ereignisse.
Dabei ist spook country ein peotischer, genialer Titel, er bringt die Grundstimmung so prägnant auf den Punkt, daß man es nur genial nennen kann, wie gewöhnt bei Gibson, der Sprache regelrecht neu interpretiert. Seine Sprache bedient sich bei der Erfahrungswelt des Lesers und ergänzt sie. Sie ist kurz, prägnant und treffend, durchzogen von Alltagssprache, Produktnamen und Marken, verführt öfters regelrecht zu weiterer Recherche, allerdings ist sie deshalb für Gibson Neulinge wahrscheinlich eher ungewohnt.
In die Literaturgeschichte wird Gibson sicher als einer der wichtigsten Autoren des "consumism age" eingehen und dieses Buch ist ein wesentlicher Beitrag dazu.