Michael Novotnys Ankündigung mag sich auf den ersten Blick bewahrheiten. Auf den zweiten Blick enthüllt sich die Wahrheit. Es dreht sich eben nicht nur alles um Sex.
Willkommen in der Liberty Avenue, Pittsburghs schwulem Viertel, und im angesagtesten, schrillsten und hipsten Tanztempel der Stadt: dem Babylon und damit zu Brian Kinney, hochintelligenter, narzisstischer "cock of the walk", Playboy und Yuppie, gnadenlos ehrlich und beziehungsunfähig. Wie gesagt: auf den ersten Blick.
Aber dann kommt er: Justin Taylor, süße siebzehn, bei seinem ersten Ausflug in die schwule Szene und mit dem Label "Nimm mich" übers ganze Gesicht gepflastert. Brian überlegt nicht zweimal und nimmt ihn mit nach Hause. So beginnt die wohl größte Liebesgeschichte, die jemals auf dem Bildschirm präsentiert wurde. Ich spreche hier nicht von Vivien Leigh und Clark Gable sondern von unverkitschten, puren Gefühlen, die jedermann bewegen, egal ob homo oder nicht.
Ab er da ist noch viel mehr zu erzählen. Die schwule Clique besteht aus Michael Novotny, Brians Freund aus Kindertagen: herrlich naiv, an Loyalität kaum zu überbieten und heimlich in Brian verliebt, suchend nach der großen Liebe jenseits Brians Zuneigung. Ted Schmidt: Buchhalter und ältestes Cliquenmitglied, der unter seiner bedächtigen Eingefahrenheit leidet und deshalb manchmal die Realität und damit den Boden unter den Füssen verliert. Emmett Honeycutt: die leicht überdrehte Schwuppe aus dem Süden, liebenswert und mit überraschend weisen Einsichten in die Wirklichkeit des Daseins. Das Bild vervollständigen das lesbische Paar Melanie und Lindsay nebst Michaels herrlich unkonventioneller Mutter Debbie, die im "Diner" auf der Liberty Avenue nicht nur Burger und Sandwiches an die Jungs verteilt, sondern auch jede Art von Herzschmerz zu lindern weiß.
Der Dramaserie fehlt es an nichts. Vom britischen Original, das einen ziemlich oberflächlichen Hauptdarsteller Stuart Allan Jones zeigte, entwickelte Cowlip einen Charakter, den ich so noch nie auf dem Bildschirm gesehen habe: der rätselhafte Brian Kinney (blendend interpretiert von Gale Harold), der unter der glatten Oberfläche einen verwundbaren Kern trägt, der Sex als "Schmerzbehandlung" sieht und der sich für seine Freunde in Stücke hauen lassen würde. Nicht, dass er das jemals zugeben würde... Der Zuschauer erlebt mit, wie Justin Stück für Stück seiner Mauer einreißt, mit Rückschlägen und Zurückweisung zurecht kommt, Unterstützung findet gegen homophobe Mitschüler und Lehrer.
Jeder, der "Queer as Folk" nur als "Schwulenporno" abtut, sollte sich nicht selbst um den Genuss einer hochbrisanten Dramaserie bringen, die alles beinhaltet, was das Leben zu bieten hat: Coming out zu Hause und am Arbeitsplatz, Diskriminierung, schwule Ghettoisierung, HIV und Aids, Promiskuität, Drogenmissbrauch, Jugend- und Schönheitswahn plus kräftige Seitenhiebe auf den american way of life nebst den berüchtigten "wie werde ich eine gute Hete"-Selbsthilfegruppen wie "See the Light", die unter anderen Namen tatsächlich ihr Unwesen treiben; kommentiert mit beißendem Witz und pointierter Situationskomik.
Ein großes Lob geht an das Autorenteam und die Regisseure, deren innovative Kameraarbeit und Schnitttechnik auf allerhöchstem Niveau ist. Und last but not least, Glückwunsch an Cowlip für das glückliche Händchen bei der Auswahl der Schauspielriege.
Vom Privatsender Pro 7 zu nachtschlafender Zeit und damit verschämt in die Schmuddelecke verdrängt, erscheint nun endlich die vollständige 22teilige Staffel 1, leider in ganz Europa ohne Bonusmaterial, warum auch immer. Ich denke, Deutschland ist reif genug, um die freizügigen Sexszenen verknusen zu können (Hetensex um viertel neun ist ok, genauso wie Lesbensex um zehn!?) und wenn nicht, kann man dabei ja vielleicht noch was lernen...
Und nun: "Go, and paint the town pink!"