Angesichts der langen Regentschaft Victorias und der komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse, aus deren Zusammenhang sie nicht zu lösen ist, ist das Buch recht kurz. Das hat Vor- und Nachteile: Der interessierte Leser, dem das Sujet neu und das 19. Jahrhundert nur bruchstückhaft vertraut ist, erhält hier einen Ein- und Überblick, der die Persönlichkeit Victorias fassbar und die persönlichen und politischen Leitlinien ihres Handelns nachvollziehbar macht - ein biografisches Porträt, das ihr Wesen, Wirken und Erbe mit leichter Hand - mal feiner, mal gröber - skizziert. Jedem, der einen Einstieg sucht, um sich Victoria und "ihrem" Zeitalter zu nähern, sei dieses Buch empfohlen. Sprachlich versiert und stilistisch sicher erzählt die Autorin dieses lange Leben, changiert zwischen persönlicher Annäherung und der nötigen Distanz und setzt trotz des zeitgemäßen biografischen Ansatzes, des modernen Blicks auf die Figur eine Klammer um die Sicht- und Wertungsmuster unserer Zeit. Damit verschreibt sie sich einem der wertvollsten Ansätze guter Biografien, in denen immer auch Rezeptionshistorie widergespiegelt und ein Bewusstsein bewahrt wird dafür, dass jeder Biograf auch Chronist seiner eigenen Zeit ist.
Es gelingt der Autorin, Victoria und ihre Zeit so zu beschreiben, dass die Neugier und das Interesse daran zunimmt statt zu erlahmen, und sicher hätten auch hundert Seiten mehr dem Buch seinen flüssigen, kurzweiligen Charakter nicht genommen. Auch ein Überblick verträgt den Ausflug ins Detail, und an manchen Stellen - etwa zur Frage des politischen Systems, der viktorianischen Presselandschaft, der Konflikte in Irland oder den soziologischen Umwälzungen der Zeit - wäre eine tiefergehende Beschreibung und ein mehr an Fakten wünschenswert gewesen.
Fazit: Ein kluges und in jedem Fall lesenswertes Buch, das Lust auf mehr macht.