Als Electro- und Synthpop-Liebhaber höre ich Project Pitchfork seit 1994 und habe mit stetem Interesse die musikalische Entwicklung der Band verfolgt. Nach dem gewöhnungsbedürftigen "Inferno" von 2002 ging es meiner Meinung nach mit "Kaskade" (2005) wieder aufwärts. 2009 vollendete die Band ihre Kehrtwende dann und lieferte mit "Dream, Tiresias" und "Continuum Ride" ein Jahr später einerseits moderne Electro-Alben, die sich andererseits wieder sehr an den frühen Tagen der Band orientierten.
Der Sound wurde wieder ziemlich rauh und "ungeschliffen". Leider wurde auch der Dynamikumfang immer niedriger, was zwar für einen druckvollen, aber auch überladenen und "anstrengenden" Sound sorgt - der "Loudness war" lässt grüßen. Zur Verteidigung der Band sei allerdings angemerkt, dass Pitchfork damit bei weitem keine Ausnahme in der musikalischen Landchaft quer durch fast alle Genres bilden.
Nun zu "Quantum Mechanics":
Die Veröffentlichung im August 2011 überraschte mich sehr, handelt es sich doch bereits um das dritte reguläre Album innerhalb von drei (!) Jahren. Ich hegte denn auch meine Zweifel, ob in der kurzen Zeit nach Tiresias und Continuum wieder ein gelungenes Album folgen kann. Glücklicherweise hält "Quantum Mechanics" das Level der Vorgängeralben und kann als deren logische Fortsetzung angesehen werden, überhaupt ähneln sich diese drei Alben sehr.
Die Produktion ist gewohnt professionell und wuchtig, hier und da türmen sich regelrechte "Walls Of Sound" auf. Es scheppert und kracht im besten Sinne an allen Ecken und Enden. Erfreulich kompromisslos wird hier vorgegangen, man scheint sich nicht um Massenkompatibilität zu scheren. Der Hörer findet sich in einer düster-melancholischen Welt wieder, die hier und da durch hymnische Einlagen aufgehellt wird. Das Album ist wieder rein elektronisch, die meisten Songs sind im Midtempo-Bereich gehalten. Zum Verschnaufen werden einem aber auch einige ruhigere, langsamere Songs geboten. Kurze Interludien verbinden die Songs miteinander und sorgen für atmosphärische Übergänge, bleiben meiner Ansicht nach aber Geschmackssache. Ich könnte darauf verzichten, schmählern diese "Anhängsel" am Ende der Tracks doch den Hörgenuss bei 1-Track-Repeat.
Gelungene Songs (Lament, Radical business, Mute Spectators, Quantum mechanics, Splice, Insomnia) wechseln sich mit einigen schwächeren Songs ab, richtige Ausfälle gibt es aber nicht. Besonders hervorheben möchte ich noch "Lament" - seit einigen Jahren hat mich kein Pitchfork-Song mehr so sehr in den Bann gezogen! Schön zu sehen, dass die Band weiter Höhepunkte ihres Schaffens abliefert. Auch "Radical business" ist sehr überzeugend und kann meines Erachtens stilistisch in einem Atemzug mit "Holy TV" (vom Imatem-Album "Home") und "Beautiful Logic Strings" von Kaskade genannt werden. Dieser "hüpfende", etwas schräge Sound gepaart mit den sarkastischen Texten ist wirklich super und in meinen Augen eine der Besonderheiten von Pitchfork.
Sauer stößt mir allerdings auf, dass Herr Spilles sich auch auf "Quantum Mechanics" wiederum fast ausschließlich für verzerrten Sprechgesang entschieden hat, wobei die Verzerrung allerdings sehr gut mit der Musik harmoniert. Dennoch würden ein paar "richtige" Gesangslinien meiner Meinung nach das Werk deutlich aufwerten. Ähnlich geht es mir mit dem Songwriting: Manchmal sind die Rhythmen und Melodien derart simpel und eintönig ("The Queen Of Time And Space", "We Will Descend"), dass man geneigt ist zu vermuten, die Band traue ihren Hörern kein besseres musikalisches Verständnis zu.
Beim Hören des Albums drängt sich schon ab und an der Verdacht auf, die Band wäre zu _noch_ mehr in der Lage, schaltet dann aber lieber einen Gang runter, um die Hörer nicht unnötig zu verwirren. Ich zähle mich zu den Fans, die die Texte wie auch die musikalische Ausgestaltung (Rhythmus, Aufbau, "Instrumente") der Songs nach wie vor als sehr entscheidend empfinden. 4/4-Takt, typischer Strophe-Refrain-Aufbau und Sprechgesang müssen nicht immer die falsche Wahl sein, allerdings sind mir diese Elemente am Ende noch zu dominant auf "Quantum Mechanics". Dass es, was die Melodien anbelangt, auch anders geht, zeigt für mich zum Beispiel "The Longing" von "Alpha Omega" anno 1995.
Bei aller Kritik, die letzten Endes auf hohem Niveau stattfindet, halte ich "Quantum Mechanics" dennoch für sehr gelungen. Wer weiß, vielleicht überfliegt die Band ja die amazon-Rezensionen und nimmt einiges davon als Anregung auf. Darüber würde ich mich jedenfalls freuen, denn ich werde die Entwicklung der Band weiterverfolgen und möchte sie unbedingt wissen lassen, dass es auch im Electro-Genre sicher genügend Hörer gibt, die sich mit der Musik nach wie vor eingehend auseinandersetzen und weiterhin Wert auf durchdachte Texte und Musik legen.
Fazit:
Klare Kaufempfehlung. "Quantum Mechanics" ist in meinen Augen eine gelungene Fortsetzung der Vorgänger-Alben mit etwas verschenktem Potenzial.
"If you got any complaints, you can write me a letter." ;)