OK, ich habe das Buch von O'Reilly zur Begutachtung zugeschickt bekommen. Da ich mit denen sonst nichts zu tun habe aber Python gern nutze und auch lehre, hoffe ich trotzdem, eine glaubwürdige Rezension hinzubekommen.
Das englische Original ist ein echter Meilenstein, meiner Meinung nach das beste Python-Lehrbuch auf dem Markt. Es ist gedacht für Lernende mit etwas programmiertechnischem Vorwissen, die also mindestens eine andere Programmiersprache kennen.
Was das Original so einzigartig macht sind nicht etwa die drolligen Photo-Charaktere oder das ständig wechselnde Layout der Seiten, das kennen wir von den Kopf bis Fuss Büchern zur Genüge, es ist für manche interessant, für andere irritierend, vor allem aber Geschmackssache. Das Python-Praxisbuch von Addison Wesley hat z.b. ein völlig konservatives Layout und bringt damit mindestens so viel interessantes rüber.
Was dieses Buch so faszinierend anders macht ist die didaktisch hervorragende Vorgehensweise und die völlig neuartige Strukturierung der Inhalte. Statt einem Hello World und dann jede Menge sterbenslangweilige Syntax einzuführen, beginnt es sofort mit einem Problem (Filmdaten erfassen) und führt (auf Seite 2 nach der Installation) die dafür exzellent geeignete Python-Liste ein.(Eine dynamische Collectionklasse für Leute aus anderen Sprachwelten). Das ist extrem pragmatisch und nah an den Problemen der Nutzer, denn ebendiese Liste ist unbestritten der am häufigsten genutzte Datentyp in Python. Dann kommt nicht etwa if-else und Schleifen und Datentypen wie in jedem anderen Langeweile-Buch sondern verblüffenderweise eigene Module im Web veröffentlichen, Fehler-Prüfung und Dateiverarbeitung in den Kapiteln 2-4, also immer ganz nah am Problem Datenerfassung und Manipulation. Sehr gut verdaulich(immer wenn es das Problem erfordert) kommen die nötigen Syntaxhäppchen, andere Standard-Klassen und auch selbstgebaute Listenableitungen, die die Filmverwaltung sinnvoll verbessern. Damit ist das erste Projekt quasi abgeschlossen und das erste Buchdrittel beendet.
Das 2.Projekt (eine Online-Zeitenerfassung für das Lauftraining) zieht einem glatt die Schuhe aus:
Was jetzt kommt, habe ich noch nie in einem Anfängerbuch so genial komponiert gesehen: MVC-Paradigma und Datenbanken, Apps für Android-Handys, JSON, Django, Google-Web Engine, Refaktorierung, Komplexere Datenmodellierung bis hin zu Gedanken für eine kleine eigene Entwicklungsfirma. Das ist wirklich der Hammer. Ich habe das Buch in einer Woche durchgelesen, mitprogrammiert und fand es schlicht atemberaubend, wie schnell man hochaktuelles Python lernen kann und das eigene Programm sofort auf Netbook, im Web und als App auf dem Handy laufen lassen kann. Das zeigt, welch universelle Plattform Python auch ohne das SpyPhone heutzutage ist.
Nun zur deutschen Übersetzung: Ich hatte so meine Bedenken, ob der kreative englische Text mit Dingen wie "BIF's, Movie Buffs oder Coding Test Drives" auch im Deutschen seine Originalität behält. Hier mal ein Kompliment an den Übersetzer (und auch an den Lektor(-:) Das ist richtig gut gelungen. Einige Dinge sind mutig frei übersetzt aber immer nah am Spannungsbogen des Originals. Aus Coach Kelly wird Trainer Tim, die Fotocharaktere sprechen lebendig und teils witzig und eine BIF bleibt eine BIF (Built-In-Function).
Einen Ausrutscher gibt es aber doch. Wenn man aus einer "List Comprehension" eine "Listenkomprehension" macht, dreht sich dem Leser mit Sprachgefühl der Magen um, statt an HighTech denke ich an Klinikaufenthalt.
Mein Fazit: Das Buch ist auch auf Deutsch sehr gut geworden. Vor allem didaktisch sehr gelungen, verblüffend aktuell und in seinem Gesamtkonzept richtungsweisend. Es wird Python weiter in den Himmel der besten dynamischen Sprachen heben. Wenn Sie aber Lehrbücher im Stile von Stroustrup oder Balzert vorziehen, sollten sie vorsichtig sein, so ein revolutioniertes Lernkonzept ist nicht jedermanns Sache.