CD-Alben mit Opernarien von Antonio Vivaldi gibt es mittlerweile in erfreulich großer Anzahl, so dass jede Neuerscheinung sich einer immer größeren Konkurrenz stellen muss. Wenn man die Programmauswahl der Recitals etwa von Emma Kirkby, Cecilia Bartoli, Simone Kermes und Magdalena Kozena vergleicht, kristallisieren sich unter den dort vertretenen Arien einige Dauerbrenner heraus, um die niemand herumkommt, der dieses Feld zu bestellen wagt. Die Auswahl unter den erhaltenen Bühnenwerken des "Prete Rosso" ist aber so groß, dass bisher jedes neue Vivaldi-Album mit einigen Ersteinspielungen aufwarten konnte, so auch dieses.
Vivia Genaux legt den Schwerpunkt ihres Programms auf Vivaldis Opernschaffen der 1730er Jahre, als die Sänger aus Nicola Porporas neapolitanischer Virtuosenschmiede die Bühnen der Lagunenstadt eroberten. Vivaldi selbst bekam zwar nicht die Gelegenheit, maßgeschneiderte Rollen für Farinelli und Caffarelli, die beiden prominentesten Stars dieser Schule, anzufertigen, aber der von Komponisten wie Porpora, Leonardo Vinci oder Johann Adolf Hasse eingeführte neue Stil hat auf seine Kompositionen jener Jahre deutlich abgefärbt. Zu hören ist das gleich in der ersten Arie "Come invano il mare irato" aus "Catone in Utica", mit der die Sängerin einen fulminanten Kavaliersstart hinlegt. Der Unterschied zwischen neapolitanischem und venezianischem Stil ist schwer zu beschreiben, wird aber doch deutlich, wenn man dieses Stück mit einer typischen Vivaldi-Nummer wie "Agitata da due venti" aus "Griselda" vergleicht. Dieses mittlerweile häufig gesattelte Schlachtross ist ebenfalls eine Bravourarie mit Seesturm-Thematik, aber einzelne melodische Wendungen haben doch einen deutlich anderen Zungenschlag.
Vivica Genaux' Interpretation kann meiner Meinung nach zwar die von Simone Kermes nicht schlagen, behauptet sich aber ebenbürtig neben ihr. Die Geläufigkeit und Sicherheit, mit der sie das ganze Vokabular dieser hochvirtuosen Musiksprache meistert, verblüfft immer wieder. Zudem verfügt Genaux über ein durchaus attraktives, leicht herbtrockenes Timbre, allerdings würde man sich hin und wieder doch etwas mehr farbliche Schattierungen und Nuancen wünschen. Kurz und überspitzt gesagt: Sie singt alles gut, aber eben auch alles gleich. Deshalb gibt es auch keine fünf Sterne wie für Cecilia Bartoli, deren Vortrag zwar mit mehr Mätzchen behaftet, aber auch deutlich kommunikativer wirkt.
Großes Lob verdient auch die instrumentale Seite dieser Scheibe. Fabio Biondi und sein Ensemble Europa Galante spielen souverän mit dem Feuer dieser Noten. Der Maestro buchstabiert sie nicht so akribisch und bedächtig wie Alan Curtis, zerschreddert sie aber auch nicht wie Jean-Christophe Spinosi, sondern findet die goldene Mitte zwischen beiden Extremen.
Noch eine Bemerkung zu den beiden "unbekannten" Stücken auf diesem Album: Die Arie "Il labbro ti lusinga" kann zwar keiner bestimmten Oper Vivaldis zugeordnet werden. Dieselbe Musik kommt aber mit anderem Text ("La bella mia nemica") in Vivaldis "Rosmira fedele" vor, von der eine Live-Aufnahme (Ensemble Baroque de Nice/Gilbert Bezzina) beim Label Dynamic erschienen ist. Diese Oper ist ein Pasticcio, das auch Stücke anderer Komponisten enthält, von denen noch nicht alle identifiziert werden konnten. Es ist also nicht hundertprozentig sicher, ob diese Arie von Vivaldi stammt, was aber ihre Qualität nicht mindert.
"Sin nel placido soggiorno" wurde schon von Simone Kermes auf ihrem Vivaldi-Recital "Amor profano" gesungen. Laut Beiheft zu dieser CD handelt es sich dabei um die einzige bisher aufgefundene Nummer aus Vivaldis Oper "La fede tradita e vendicata".