Bücher zu Russland polarisieren gerne. Vielleicht liegt das an einem Land das gern polarisiert. Nicht erst seit 1991 sondern fast immer während seiner langen Geschichte. Bevor ich einige Gründe geben werde warum ich diese Buch so wichtig finde möchte auch ich betonen, dass eine Kritik an Russland heute nicht gleichzusetzen ist mit einer Kritik an den Menschen Russlands sondern eine Dialektik des "Systems Russlands" sein muss. Dieses System ist trotz wechselnder Machtverhältnisse mit einigen Konstanten versehen, wie uns Michail Ryklin in seiner Studie zum Prozess um die zerstörte Kunstausstellung "Achtung Religion" in Moskau in seinem Buch "Mit dem Recht des stärkeren" formuliert hat: In Russland gibt es eine stark religiöse-nationalistische Stimmung in der Gesellschaft, eine jahundertealte Gewöhnung an den Autoritarismus und eine pathologische Trennung der verschiedenen sozialen Schichten. Darüber hinaus weisst Russland heute eine bestenfalls "gelenkte" Demokratie (und ein eher archaisches Demokratieverständnis in weiten Teilen der Bevölkerung) auf, eine (laut Transparency International) fast schon institutionalisierte Korruption und eine (teils gewachsene, teils vielleicht sogar verständliche) Gleichgültigkeit des einzelnen Russen gegenüber Politik, Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechten. Eine Kritik an Russland ist heute nicht nur berechtigt, sie ist unbedingt notwendig! Aber nicht, um mit dem bösen Westfinger auf das Land und seine Menschen zu zeigen, sondern einzig und allein um das Land selbst wachzurütteln seine eigenen Probleme anzuerkennen (für viele Russen undenkbar), zu diskutieren (trotz Restriktionen für die Presse) und daran zu arbeiten sie zu lösen. Kritik an Russland ist Kritik FÜR Russland!
Boris Reitschuster ist Kritiker Russlands, das steht einwandfrei fest, aber er (wie viele Russlandbeobachter) liebt das Land und die Menschen. Warum also ist sein aktuelles Buch glaubwürdig und wichtig?
1. Reitschuster ist authentisch. Er lebt und arbeitet in Russland. Er hat Kontakt zu Russen, er bereist das Land kennt Quellen, Institutionen, Beobachter und er spricht mit dem "Russen" von nebenan, nicht nur am "Küchentisch".
2. Reitschuster dokumentiert und kommentiert. Sein Buch ist (wenn auch gelegentlich scharf formuliert) Bezug nehmend auf Analysen, Artikel und Gespräche von Journalisten und Analysten in und ausserhalb des Landes. Er dichtet nicht, nein er verdichtet.
3. Reitschuster übertreibt nicht. Kritik an seinem Buch scheint manchmal auch Kritik am beschriebenen Inhalt zu sein, aber Russland heute ist geprägt von scheinbar unglaulichen Themen und Ereignissen. Politkovskaya, Litwinenko, Gasparov, Chodorkovsky, Beresovsky. Gasstreit, Ölstopp, Georgien, Tschetschenien, Beslan, Bomben in Moskau, Nordost-Musical, Sachalin (BP, Shell), Memorial, Silowiki. Und und und. Und wie der "Economist" erst vor wenigen Tagen in seiner aktuellen Ausgabe bestätigt, Russland ist heute eine gelenkte Demokratie in der ehemalige und aktive KGB/FSB-Mitarbeiter einen Schattenstaat aufegebaut haben, der an alte Sowjetzeiten erinnert.
Bücher wie die von Reitschuster sind manchmal unbequem. Aber sie sind so wichtig. Wichtig für Russland, nicht gegen Russland.