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Eine "Purple Cow" ist für ihn ein Produkt, das so bemerkenswert ist, dass sich das durch Mundpropaganda herumspricht und alle es haben wollen. Es macht sich seine Werbung selbst. Das bedeutet nicht, dass es kostengünstiger ist, eine Purple Cow zu lancieren -- schließlich wird auch die tollste Sache schnell langweilig, die nächste Sensation muss her. Und Innovationen am laufenden Band zu produzieren ist ein Kraftakt. Zudem scheuen die meisten Leute das Risiko, das damit untrennbar verbunden ist, denn die meisten Purple Cows sind schräg, ungewöhnlich oder schier verrückt. Über ganz normale Wertarbeit erregt sich eben niemand, es muss schon etwas Besonderes sein. Design und Marketing müssen Hand in Hand arbeiten, um eine Purple Cow zu schaffen, weshalb man, so Godin, die Geschäftsführung am besten gleich einem Marketingmenschen übergibt.
Seth Godins Buch ist ein interessanter Denkanstoß für eine völlig neue Art der Vermarktung, die gewöhnungsbedürftig ist, und die die meisten Unternehmen nicht im entferntesten beherrschen. Seine Thesen sind wie gewohnt einleuchtend, das Buch flott geschrieben. Dennoch nervt die Vielzahl an amerikanischen Beispielen; viele davon betreffen Produkte, die hier zu Lande kein Mensch kennt. Auch ein paar mehr konkrete Tipps dafür, wie virales Marketing in der Praxis funktioniert, hätte man sich gewünscht. Einen viel zu großen Teil des Buches nehmen Erklärungen ein, warum Werbung nicht mehr funktioniert. Witzig ist dagegen sein Bericht, wie er die Vermarktung seines neuen Buches (natürlich à la Purple Cow) organisiert hat. Ein deutscher Buchhändler wäre bei solchen Vorschlägen sicher in Ohnmacht gefallen. --Sylvia Englert
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Leider hört aber genau hier auch der Inhalt auf. Der Markt sei voll von schlechten, mittelmäßigen Produkten, die Konsumenten würden nicht mehr zuhören, weil jeder lauter schreit als der andere, deshalb sollen wir uns alle lila Kühe einfallen lassen, um aufzufallen - also etwas Besonderes machen.
Natürlich - mit seiner Beobachtung hat Seth Godin recht, und vielleicht muss es auch (wieder mal) gesagt werden, aber würde er sich selbst - und seine Leser - ernst nehmen, dann wäre sein Buch wahrscheinlich nicht erschienen. Denn Purple Cow ist altes Wasser in lila Schläuchen, und geht es nach dem Buch, dann müssen wir uns doch alle nur tolle Produkte einfallen lassen und der Rest ergibt sich dann mehr oder weniger von selbst.
Das aber halte ich für keine Kunst. Es ist irgendwie die alte Botschaft "Wenn Du es baust, werden sie kommen".
Im Buch erklärt der Autor, wie schlecht er zum Beispiel die Automarke Buick findet. Die machen seit 50 Jahren langweilige Autos. Oder dieses unscheinbare, durchschnittlite italienische Restaurant, mit dem dessen Besitzer "gerade mal" seinen Lebensunterhalt bestreitet.
Na dann. Sehen wir uns doch einmal erfolgreiche Unternehmen an: wie "sexy" sind Rasierklingen, wie erfolgreich ist aber Gilette? Wie "aufregend" ist Waschmittel, wie spannend Kinderwindeln (Pampers), wie attraktiv Klopapier (Charmin)? Die Liste "langweiliger" Produkte ist unendlich: Strom, Wasser, Seife, Essbesteck, Tiefkühlpizza, Kaffee... allesamt im Grunde nicht besonders "lila".
Meinen Respekt vor Buick's Leistung, 50 Jahre lang(!) angeblich "langweilige" Produkte erfolgreich(!) zu verkaufen.
Attraktivität ist unglaublich vergänglich und kurzlebig. Das ist überhaupt nichts Schlechtes, die ganze Modebranche lebt davon, und wir brauchen und wollen auch immer Neues, sonst wäre das Leben ja tatsächlich langweilig.
Aber als "wahres Rezept", erfolgreich zu sein, ist "Purple Cow" weder notwendig noch richtig, im Gegenteil: wenn ihr Produkt es schafft, so langweilig zu sein, dass niemand mehr darüber nachdenkt, sondern es ganz selbstverständlich kauft und nutzt - dann haben Sie gewonnen. Das ist keine Einladung zur Bequemlichkeit oder zum Stillstand, aber einfach meine Antithese zur Lila Kuh.
Purple Cow hat eines geschafft: Purple Cow zu verkaufen, und das, obwohl der Inhalt kein Neuer ist. Damit liegt das Buch auch richtig: es kommt schon auch auf die Verpackung und clevers Marketing an.
Aber inhaltlich wird in 50 Jahren - wenn Buick immer noch langweilige Autos verkauft und der Pizzabäcker im selbstverdienten Ruhestand ist - nach Purple Cow kein Hahn mehr krähen.
Den zweiten Stern gibt's deshalb fürs gute Marketing :)
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