Aus der Amazon.de-Redaktion
Karl Ludwig Schweisfurth hat sich gewandelt. Großunternehmer industriell hergestellter Wurst- und Fleischwaren (Herta) ist er gewesen -- bis ihn die "Vision eines neuen Verhältnisses zwischen Mensch und Umwelt" ereilte und er in den 70er-Jahren begriff, dass er ein anderes Leben führen müsse. Inzwischen hat sich Schweisfurth seinen Traum erfüllt und die Hermannsdorfer Landwerkstätten gegründet, die landwirtschaftliche Produkte in ökologischem Anbau wachsen und die Tiere in einer so weit als möglich artgerechten Haltung gedeihen lassen. Heute will sich Schweisfurth als "Lebens-Mittel-Hersteller" verstehen.
Pures Leben stellt die Quintessenz dieses Wandels vom Saulus zum Paulus dar.
Pures Leben ist eine Art Leitfaden zurück zu den Wurzeln unserer Küche. Wie wächst unsere Nahrung auf Feld, Wald und Wiese oder Garten? Wie behandelt man sie richtig, also schonend? Erlebnisberichte von Gärtnern, Metzgern und Bäckern stehen neben Erläuterungen zu garen und würzen, mixen und aromatisieren, dämpfen und panieren, binden oder putzen. Dazu zeigen die den zahlreichen warenkundlichen Tipps beigegebenen Rezepte des Gourmetkochs Thomas Thielemann, wie man sein neu gewonnenes Wissen umsetzen und mit regionalen Schmankerln aus deutschen Landen -- darunter Möhren-Sellerie-Salat, Kartoffel-Lauch-Sellerie-Maxime, Schweinebacken-Confit, Wildschwein-Chops oder Fasan in der Cocotte -- den Speisezettel zu Hause bereichern kann. Die schönen Fotografien von Stefan Braun runden den gut gemachten Band geschmackvoll ab.
Zugegeben: Auch als ökologisch bewusster Genießer isst man Tiere -- oder zumindest (bis auf Extremfälle) Produkte von diesen. Aber mit gutem Gewissen schmeckt es einfach besser. Und Pures Leben ist beides: Anleitung zu sorglosem Kochen und Bilanz eines interessanten, von konsequentem Umdenken geprägten Lebens. --Stefan Kellerer
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Der Magen ist leer, der Kopf arbeitet auf Hochtouren. Vor 30 Jahren fällte Karl Ludwig Schweisfurth bei einer Fastenkur die Entscheidung seines Lebens. Die Zeit war gekommen. Zu lange hatte er ausgeharrt. Zugeschaut - weggeschaut: "Was ist aus meiner Zunft geworden?" Früher war der Metzger ein hochangesehener Mann. Und heute? Ein Schlächter - ohne Moral und bar jeder Vernunft. Wieder zu Hause verließ der Herta-König sein Unternehmen. Sein Ziel, ein Hof im Osten Münchens - heute bekannt unter dem Namen Hermannsdorfer Landwerkstätten. Ein Bio-Hof mit eigener Brauerei, Schweinezucht, Bäckerei, Gemüsegarten und Restaurant.
Pures Leben ist nicht sein erstes Buch. 1999 erschien seine Autobiographie Wenn's um die Wurst geht. Gedanken über die Würde von Mensch und Tier. Deshalb erfährt man nur wenig über Schweisfurths Werdegang. Dem Autor geht es diesmal um seine Freunde und Sinnesgenossen, die mit ihm zusammenarbeiten und den Hof tagtäglich mit Fleisch, Fisch und Gemüse beliefern. Zum Beispiel Hermann Weil, Schafzüchter. Ingrid Grosser, Geflügelbäuerin. Und Jeffe Mangold, Jäger. Sie alle kommen aus einem konventionellen Betrieb und haben sich irgendwann in ihrem Leben entschieden: "alles anders zu machen, neu anzufangen". In Pures Leben erzählen sie von ihrer Arbeit, von ihren Lämmern, Wildschweinen und Legehennen. Von Erfolg und Geldverdienen. Und von ihren geheimen Rezepten, das Vieh auch ohne Antibiotika gesund zu halten.
Zwischen den Porträts: Warenkunde und Rezepte. Der Grund: Ökologisches Essen hat nicht nur etwas mit gesunder Ernährung zu tun. Sondern auch mit Verantwortung. Ganz gleich ob Fleisch, Fisch oder Milchprodukte - der Mensch ist verpflichtet, mit den "Gaben der Natur" sorgfältig und bewusst umzugehen. Verantwortlich für den praktischen Teil ist Thomas Thielemann. Er leitet das "Wirtshaus zum Hermannsdorfer Schweinsbräu" und bezieht seine Produkte direkt vom Hof. Den Lesern erklärt der ehemalige Karl-Ederer-Schüler nicht nur den Unterschied zwischen Oberschale, Haxe, Schulter und Tafelspitz, wie man gute Qualität von schlechter unterscheiden kann, welche Stücke sich zum Braten, Schmoren oder Dämpfen eignen und wie man Enten, Poularden und Hühner zerlegt. Thielemann verrät auch 15 Rezepte: darunter "Kartoffel-Lauch-Maxime mit Sommertrüffel", "Schweinebacken-Confit auf Kartoffeltarte" und "Kalbsleber-Pavé mit Gemüsezwiebeln". Das Ganze perfekt abgelichtet von Stefan Braun. Kräuter, eingelegte Zitronen, Ochsenmedaillons mit Salbeiblatt - Lebensmittel setzt der Fotograf genauso gekonnt in Szene wie Mensch, Tier und Landschaft.
Fazit: Pures Leben ist ein Streifzug durch die Schweisfurth-Welt. Der Herausgeber ist stolz - auf sein Leben und sein Werk. Ein ganzes Kapitel lang schreibt er über Tierhaltung, Fasten und zwischenmenschliche Schwingungen. Und auch die befreundeten Bauern, Viehzüchter, Fischer und Bio-Bäcker sind nur des Lobes. Sie lieben den alten Herrn - und sind ihm dankbar. Bei dieser Laudatio hätte Schweisfurth eines beachten sollen - seine goldene Regel: "Weniger ist mehr." Seine Selbstinszenierung steht zu sehr im Vordergrund. Außerdem: Pures Leben ist ein Buch für Fleischesser. Vegetarier dürften mit einigen Aussagen erhebliche Probleme haben. Schweisfurth ist Metzger, seine Überzeugung: Tiere sind zum Schlachten da! Oder wie schreibt Manuel Schneider, Philosoph und wissenschaftlicher Geschäftsführer der Schweisfurth-Stiftung: "Die Tiere in der Landwirtschaft verdanken ihr Leben dem Umstand, dass wir ihr Fleisch, ihre Milch oder ihre Eier als Mittel zum Leben' nutzen wollen. Gäbe es nicht dieses menschliche Interesse an ihnen, gäbe es auch keine Tiere in den Ställen und auf den Weiden. Nur weil sie getötet werden, dürfen sie leben." Dass die Deutschen zu viel Fleisch essen - kein Wort. Auch nicht darüber, dass für die Fleisch-Erzeugung Massen an Getreide verfüttert werden. Getreide, das viele Menschen ernähren könnte. Sicher, die Schweisfurth-Stiftung hat einige Bücher und Info-Broschüren zu diesem Thema herausgebracht. Trotzdem hätte man sich eine Stellungnahme erwartet. Lässt man diese zwei Punkte außer Acht - dann ist das Buch ein wunderbares Buch. Es kombiniert auf ungewohnte Weise Gesundheit, Ethik und Genuss. Dass der Titel jetzt herauskommt, ist von Heyne gut getimed. In wenigen Wochen ist Weihnachten - und Pures Leben das ideale Geschenk: politisch korrekt, gefühlsbetont, sinnlich und: günstig.
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