Aus der Amazon.de-Redaktion
Wenn man sein Handwerk erst mal zehn Jahre ausgeübt hat, wird man zwangsläufig um einiges besser sein als am Anfang. Bei Tocotronic hat sich das nun sehr deutlich gezeigt, denn die alte Schraddelherrlichkeit wurde auf
Pure Vernunft Darf Niemals Siegen endgültig der präzisen Studio-Arbeit geopfert.
Das mögen einige Alt-Fans bedauern, denen die Tocos stets ein Soundtrack zum Leben waren, weil sie immer diesen "Hättichauchgekonnt"-Aspekt in sich trugen. Tja, was jetzt vom Scheibchen ertönt, ist nicht mehr so einfach nachvollziehbar, obwohl der Opener "Aber Hier Leben" mit satten zwei Akkorden auskommt. Dafür gibt es bei "Der 8.Ozean" ein Harmonien-Verwirrspiel, als ob Scumbucket ohne die übliche Verzerrer-Gitarrenwand loswüten würden. Ebenfalls heranziehen möchte man beim Refrain von "In Höchsten Höhen" die Mit-Hamburger Kante in ihren verdaulicheren Momenten. Und das ist alles vorher so bei Tocotronic nicht zu finden gewesen.
Wie es das Label-Info schon richtig sagt, geht hier viel auf das Konto des neuen Gitarristen Rick McPhail, denn mit einer zweiten Gitarre eröffnen sich völlig neue Perspektiven für den Tocotronic-Sound. Da wird gerne auf Keybord-Einspielungen verzichtet, und der Sound ist plötzlich knochentrocken und extrem sauber, damit das Wechselspiel der Gitarren nicht im Brei untergeht. So muss man sich Tocotronic praktisch neu er-hören, findet aber bald auch altgeliebte Aspekte in den Texten und der Attitüde der Band wieder, an denen man sich festhalten kann.
Mit Pure Vernunft Darf Niemals Siegen haben Tocotronic einen Neustart gewagt, der vielleicht noch nicht ganz rund rüberkommt, aber vom Mut zum Sich-selbst-neu-erfinden zeugt, und sehr Neugierig auf kommende Taten macht. --Deborah Denzer
Kurzbeschreibung
Die neueste tocotronische Maxime zeugt von großer Altersweisheit, sowie von pubertärem Trotz: PURE VERNUNFT DARF NIEMALS SIEGEN. Eine würdige Losung für ein neues Album. Es sind 13 wundersame Lieder von süßer Inbrunst und infektiösem Irrsinn. Ein Seilakt über Schluchten der Selbstverschwendung und der Ohnmacht. Die Texte wissen davon einiges zu berichten. Rockmusik, sofern sie gut ist, singt nicht von sicheren Häfen. Wie auch, sie kennt sie ja kaum. Unterwegs sein ist die Pflicht und das Ziel. Also lichten Tocotronic den Anker, lösen die Leinen, und kommen in Fahrt: Mit ihnen ein druckvoller Rocksound klassischer Prägung, mit einem tiefen Leuchten im Gewinde. Die Band klingt so direkt und konturiert wie kaum zuvor. Wie haben sie das gemacht? Neun Tage in einem plüschverhangenen Berlin-Kreuzberger Studiokeller, weitere 5 Tage im Hamburger Soundgarden Studio und ein Trip nach Dänemark zum Abmischen mit Michel Ilbert (Hives, Cardigans) reichten aus, um die akustischen Rohskizzen in vollelektrische Traumgesichter von Songs zu verwandeln. War ihr letztes Studioalbum "Tocotronic" von 2002 noch ein opulentes Bad in Milch und Honig, wurde der Sound für "Pure Vernunft darf niemals siegen" gestrafft und konzentriert. "Live" mit nur wenigen Overdubs in Bandbesetzung eingespielt, rollen die neuen Songs auf schnelleren und riskanteren Rädern. Es gibt rasant voranpreschende Hypno-Mover wie den mächtigen Opener "Aber hier Leben, nein danke", aber auch entfesselten Toco-Folk (Titeltrack), driftende Pop-Melancholia ("Angel", "Gegen den Strich"), oder schwelende Balladen ("Ich habe Stimmen gehört"). Ingesamt allerdings dominiert präzise pulsierender Gitarrenrock das Album, deutlich bemerkbar ist dabei der Zuwachs einer zweiten Gitarre. Tocotronic sind nämlich jetzt zu viert. Neben Dirk von Lowtzow (Gesang, Gitarre), Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Drums) ist Rick Mc Phail, bekannt als unterstützender Keyboarder bei Konzerten, nunmehr als Gitarrist! mit an Bord.
Die Erstauflage von PURE VERNUNFT DARF NIEMALS SIEGEN erscheint als limitiertes Digi Pack inklusive Bonustrack. Zugreifen...danach gibt's das Album dann nur noch als Jewelcase ohne Bonustrack.
Der Albumtitel klingt nach verschwurbelter Parole. Wie damals, als Tocotronic noch die Hamburger Schulbank drückten. Doch ihr siebtes Album ist kein Schritt zurück, auch mit neuem vierten Mann schreiten sie weiter von konkret nach abstrakt. Statt den banalen Alltag zu leben, flüchten Tocotronic in die Wälder, hören Stimmen und erforschen Träume - ein revolutionärer Eskapismus, der sich gegen den Neuen Deutschen Nationalismus richtet. "Aber hier leben, nein danke" heißt auch die erste Singleauskopplung, die das virtuose Album eröffnet. Die einst angepunkten Dilettanten pendeln zwischen Kopfpop und Kunstrock, waten durch tiefe Melancholie - und vergessen die Hoffung nicht. Kritik wird es trotzdem geben: von konservativen Fans und politischen Gegnern. Unbestreitbar aber, dass Tocotronic mittlerweile zu den besten deutschen Songschreibern zählen. (cs)