2008 schreibt Richard Rohr, bekannter, ja berühmter Franziskanerpater aus den USA dieses Buch. Es ist sein 65. Geburtstag, als er das Vorwort dazu schreibt. Mit 65 Jahren ist damit vermutlich so etwas wie eine Bilanz seines Lebens oder seiner Arbeit zu erwarten. Zumal bei einem Mann, der aus früheren Jahren dadurch bekannt wurde, dass er nicht selbst schrieb, sondern mit und vor Gruppen arbeitete und referierte und seine Zuhörer anfingen, seine Vorträge aufzuschreiben. Hier schreibt er selbst, so jedenfalls verstehe ich die Hinweise im Buch.
Nun also ein verheißungsvoller Titel der im englischen heißt: 'The Naked Now ' Learning to See as the Mystics See' und damit noch drastischer daherkommt als der deutsche Titel.
Es ist ein Buch das mich verwirrt hat. So lese ich das Vorwort mit der Überschrift 'Weshalb ich dieses Buch schreibe' und bin hinterher nicht schlauer als zuvor. Ich habe die Antwort auf die von Rohr selbst gewählte Überschrift nicht finden können. Oder auch die Gliederung. Das Buch ist aufgegliedert in drei Hauptteile. Nach dem kompletten Durcharbeiten habe ich versucht zu verstehen, worin die Gliederung in die drei Bereiche besteht. Ich habe es nicht verstanden.
Aber wer weiß... Vielleicht geht es mir bei weiterer Betrachtung wie mit dem wunderschön gearbeiteten grafischen Layout des Buches, welches sich mir auch erst nach einigem Umgehen mit dem Buch erschloss. Graue hochglänzende Lackpunkte neben Titel und Untertitel finden sich auf der Umschlagseite vorne. Erst wer das Buch komplett aufschlägt und damit den Paperbackeinband auch deutlich strapaziert (was man gewohnheitsmäßig bei Paperpacks eigentlich nicht macht!!!), wird entdecken, dass sich die gleichen Punkte auf der Rückseite finden und erst in der Zusammensicht ein Kreuz sichtbar wird. Respekt an die Grafiker des Verlages, die damit perfekt auf den Punkt gebracht haben, wozu dieses Buch dienen kann! Eine neue Sichtweise! Aber dafür muss ich etwas anders machen, anders sehen als sonst üblich! Allein durch diese grafische Umsetzung wird deutlich, dass die Verlagsverantwortlichen eine Idee hatten, was in diesem Buch steckt.
Und wenn ich auch bei den vorgenannten Punkten feststellen muss, dass diese sich mir nicht bisher erschlossen, kann ich vorab sagen: es ist ein großartiges Werk, dass ich hier gelesen habe. Nur erscheint es mir noch nicht fertig, dazu später mehr.
Rohr lädt ein, zu einer 'neuen' Art des Erkennens, die so neu eigentlich nicht. Es geht im Kern darum das dualistische Denken der abendländischen Kultur durch ein kontemplatives mystisches Denken zu ersetzen.
'In diesem Buch wird die neue Art des Erkennens abwechselnd Kontemplation, nichtdualistisches Denken oder das 'Sehen mit dem Dritten Auge' genannt.' (S. 25)
Es ist ein grandioses Buch, welches Richard Rohr hier vorlegt. Selten habe ich auf gut 200 Seiten so viele bedeutsame Impulse erlebt. Mein Textmarker war neu, als ich das Buch aufschlug, am Ende war dieser alle und das Buch noch nicht ganz gelesen. Das habe ich so für mich sehr selten erlebt!
Immer wieder hatte ich das Empfinden, Rohr hebt die Decke, die über vielen Bibelstellen im neuen Testament liegt, für einen Augenblick empor und ich komme zu einem völlig neuen und tieferen Verständnis, welches ich zuvor nicht hatte und auch nicht verstehen konnte. Ich sage dies nach 20 Jahren regelmäßiger Predigtvorbereitung, bei der ich alles gelesen habe zu den Predigttexten, was auf dem Markt zu finden ist. Den Jesus, den Richard Rohr mir aufzeigt, macht tiefen Sinn! Viele der von ihm zitierten Texte waren mir nie richtig klar, nie wirklich rund, der Perspektivwechsel, den Rohr aufzeigt, ändert dies dramatisch! Es geht mir wie vor Jahren mit den Vexierbildern, bei denen im scheinbaren Bild ein tieferes Bild verborgen war, dass man nur entdecken konnte, wenn man scheinbar durch das Bild hindurchblickte.
Rohr gelingt es dabei, diesen tieferen Sinn immer wieder aufzuzeigen, diesen tieferen Blick immer wieder vor mein Betrachterauge zu bringen und ich staune! Staune, staune, staune! Es ist jahrzehntelange praktische Lebens- und Berufserfahrung, die sich hier kumuliert. Und Rohr macht durch dieses Buch deutlich, dass er zu den ganz großen Namen der Mystiker und kontemplativen Lehrer gehört. Spätestens mit diesem Buch muss Rohr ihn in einem Atemzug mit Thomas Merton genannt werden. Und manches gleicht hier auch dem großen Buch von Merton 'Christliches Kontemplation', dass nach Jahren endlich 2010 wieder neu aufgelegt wurde und eine Übersetzung der amerikanischen Ausgabe von 1961 entspricht. Im Vorwort zu dieser Neuauflage schreibt sein damaliger und auch heutiger Übersetzer Bernardin Schellenberger in dem er Merton selbst zitiert:
'... ein Buch mit mehr oder weniger unzusammenhängenden Gedanken und Überlegungen und Aphorismen über das innere Leben.'
'... in einer lockeren thematischen Reihenfolge angeordnete Überschriften kürzere Texteinheiten zusammen, deren jede man als eine Art von inspirierendem Impuls lesen kann.'
Eben so empfinde ich das Buch von Rohr. Und eben darin eine großartige Bereicherung. Das Buch ist Seite für Seite voller Impulse, vor allem für jene Christen, die an manchen theologischen Haltungen und Bibeltexten nicht weiter gekommen sind, weil sich die klassischen Deutungen als nicht hilfreich erweisen. Hier schließt Rohr neue Perspektiven auf, die gespeist sind aus einer nichtdualistischer Wahrnehmung. Dabei polarisiert Rohr aber auch! Für Menschen, die ihre Heimat im eher evangelikalem Bereich haben, sind viele Sätze eine harte Zumutung und Infragestellung ihres Glaubens. Rohr schlägt hier keine vermittelnden Töne mehr an, wie es in früheren Büchern zu finden war. Hier vielleicht nur ein Bespiel dafür:
'Nach meiner Erfahrung sind die meisten Christen letztlich Theisten, die ihren Gott zufällig Jesus genannt haben.' (S. 80)
Schwer wird es auch bei der zum Teil sehr freien und weitgehenden Übersetzung und Auslegung biblischer Zitate. Diese sind manchmal so im Halbsatz zitiert, dass es für manchen hart an der Grenze der Auslegung erscheinen kann, was Rohr präsentiert. Er aber weiß, was er zitiert und präsentiert. Es ist ihm abzuspüren, dass er die Text im positiven Sinne durchdrungen hat.
Mit großer Vorfreude habe ich den Anhang mit 10 Übungen gelesen. Und war recht überrascht.
Die Einteilung in Anhang 1 'Stadien der Reife' empfinde ich überhaupt nicht reif! Zu kurz, zu unscharf erscheint mir diese Beschreibung, die im Kern wichtige Gedanken enthält, aber noch nicht fertig erscheint. Auch die anderen Übungen finde ich kaum ausgereift. Oder aber ich bin noch nicht reif dafür, was eine andere Möglichkeit wäre.
Ich denke aber, dass es gerade im Grenzbereich zwischen Psychotherapie, Selbsterfahrung, Spiritualität mittlerweile sehr viel gutes Material gibt, das dazu geeignet ist, eine ähnliche Haltung und Perspektive einzunehmen, wie die, von der Richard Rohr immer wieder schreibt. Es scheint aber eben auch, dass es hier noch Arbeit für die Zukunft gibt, diese Welten sinnvoll zu verbinden.
Letztlich geht es mir mit diesem Buch, wie mit dem Buch 'christliche Kontemplation' von Thomas Merton. Dieser hat sein Buch komplett überarbeitet, kaum dass es erschienen ist. Und hat dieses dann Jahre später wiederum komplett überarbeitet und unter neuem (erweiterten) Titel veröffentlicht.
Wer auf dem Weg spiritueller Erfahrungen vor Gott unterwegs ist, ob mit dem Stichwort Kontemplation oder Mystik wird als Erlebender immer nur punktuelle Erlebnisse widerspiegeln können, zu denen gerade das fragmentarische Element dazu gehört. Erfahrung reiht sich an Erfahrung und am Ende findet sich ein Bild, welches eben nicht einer inhaltlichen Strukturierung wie bei einer systematischen Theologie folgen kann. Und das Bild ist nie fertig, nie rund und doch voller Eindrücke. So erlebe ich Merton, so erlebe ich Rohr und freue mich, erleben zu können, wie die Gedanken und Bilder weiter reifen werden. Dass dies passieren wird, davon bin ich jedenfalls überzeugt!