Nach dem weitgehend erfolglosen, aber genialen Hardrock-Monsteralbum "Face The Heat" besinnen sich die Scorpions 1996 auf ihre melodiösen Seiten. Kommerzielles Kalkül? Immerhin wurde "You & I" zum meistgespielten Lied im deutschen Radio im Jahre seiner Veröffentlichung. Aber nicht nur, es schwingt auch eine gehörige Spur Zeitgeist mit. Mitte der 1990er waren Rock-Balladen wieder hoch im Kurs, ausgelöst u.a. durch Bon Jovis "Always" oder die Schmuseballaden eines Bryan Adams, während die aufkeimende Riege der Singer-Songwriterinnen à la Joan Osborne, Alanis Morissette und Sheryl Crow die Akustik-Gitarre wieder salon- bzw. radiotauglich machte.
Von beidem bedienen sich die Scorpions auf ihrem dritten Album der 90er, oder sagen wir: Lassen sich inspirieren. Das Cover zeigt in pointierter Verkehrung der Zustände dem Home Sapiens als hinter Gitter gesperrtes Objekt für die animalischen Gaffer. Auch die Scorpions, könnten böse Zungen behaupten, haben sich hier in einen musikalischen Käfig begeben und ihren Giftstachel eingefahren. In der Tat, selten haben die Hannoveraner so brav, so introvertiert musiziert wie auf "Pure Instinct". Doch das negative Etikett würde die Qualitäten dieses Albums verkennen, denn hier liegt die Kraft eben in der Ruhe. Von kreativem Stillstand kann keine Rede sein, im Gegenteil, und der Album-Titel ist Programm: Hier wird Rückkehr zum Instinkt betrieben, der Pomp aufgeblasener Studioproduktionen wird abgestreift, bis nichts übrig bleibt als die Band in ihrer Verletzlichkeit. Und das macht den Charme dieses Albums aus.
Es passt also gewissermaßen, dass sich die Band besetzungstechnisch 1996 mal wieder in einer Übergangsphase befand, der langjährige Schlagzeuger Herman Rarebell hatte zuvor seinen Abschied genommen, ein dauerhafter Nachfolger sollte erst zur folgenden Tour mit dem Amerikaner James Kottak gefunden werden, und so sitzt auf "Pure Instinct" der Sessionmusiker Curt Cress an den Trommeln. Eine gewisse Unsicherheit, was die eigene Zukunft angeht, scheint Meine und Schenker beim Komponieren geleitet zu haben, nie klangen die Scorpions düsterer, melancholischer.
Den Scorpions ist mit "Pure Instinct" ein Kleinod gelungen, ein Füllhorn an schönen Melodien. Dies ist die ruhige Seite der Band, in kompromissloser Geradlinigkeit ausgespielt - nie hörte man so viele Akustik-Gitarren auf einem Scorpions-Alum. Nicht alle Fans konnten sich daran vorbehaltlos begeistern. Ich war 13, als das Album erschien, und bereits geneigter Scorpions-Liebhaber, kaufte es, hörte es, liebte es auf Anhieb - und bis heute hat sich daran nichts geändert.
Die erste Nummer ist dann auch gleich mein persönlicher Favorit: "Wild Child" kommt dem traditionellen Hardrock der Scorpions noch am nächsten, das Dudelsack-Intro lässt aufhorchen, die fetten Gitarren, die sich sogleich dazugesellen, rufen bei mir regelmäßig ein fettes Grinsen hervor. Der Text über ein erotisches Techtelmechtel am Feiertag, in bester "Loving You Sunday Morning"-Manier, ist simpel aber pointiert, der Refrain regt zum Mitsingen an, kurz: Die Nummer gehört zu dem besten, was die Band zu bieten hat.
Alles, was folgt, verliert an Härtegrad, die akustischen Gitarren übernehmen die Führung, moll-Akkorde überwiegen und verleihen dem ganzen Album zusammen mit den nachdenklichen Texten eben jenen melancholischen Touch. Kompositorisch ist dabei nicht alles herausragend, die Meine-Komposition "Does Anyone Know" etwa wirkt zwar ambitioniert bedeutungsschwanger, erinnert aber ein wenig zu sehr an "Wind Of Change" und kann nicht richtig durchstarten.
Auch "Stone In My Shoe" oder "Oh Girl (I Wanna Be With You)", bei denen das Tempo wieder etwas angezogen wird, mögen beim ersten Hören als fröhliche Groover ohne viel Bedeutung durchgehen, entfalten aber doch bald ihren ganz eigenen Reiz, denn sie sind trotz aller fehlender Brisanz handwerklich gut gemacht, schön musiziert, und nicht so einfallslos, wie es zumindest letztgenannter Songtitel vermuten lassen würde. Und zwischendurch immer wieder melancholisches, wie das sparsam arrangierte, aber eindringliche "Soul Behind The Face". Und es zeigt sich, dass die Scorpions durchaus aus dem so gewohnten Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Solo-Refrain-Korsett auszubrechen und es auf ein interessantes Strophe-Strophe-Refrain-Solo-Refrain -Modell runter zu brechen wissen, wobei sie geschickt dem treibenden Rhythmus einen sphärischen Keyboard-Teppich unterschieben, auf dem dann Meine und die Sologitarre ihr Klagelied zum Besten geben können. Auch das leicht orientalisch angehauchte "Time Will Call Your Name" weiß kompositorisch neue Wege zu gehen, ohne die Band neu zu erfinden oder gar zu definieren - das Zeug dazu hat wohl keine Nummer des Albums. Endgültig experimentell wurde man ja auch erst 3 Jahre später auf dem viel geschmähten (aber längst nicht schlechten) "Eye To Eye"-Album, das vor Drumloops nur so wimmelte und mit den Scorpions nur noch über ein kompliziertes Verwandtschaftsverhältnis zusammenzuhängen schien. Nein, auf "Pure Instinct" sind die Scorpions noch ganz sie selbst mit hohem Wiedererkennungswert, frönen aber (vielleicht eine Spur zu ekstatisch) ihrer balladesken Seite. "You & I" ist immerhin eine Ballade von großem Format und avancierte schnell zum Mega-Hit.
Ist die CD mit dem nur von Streichern getragenen, und sehr eindringlichen "Are You The One?" ausgeklungen, möchte man meinen, einer vermeintlichen "Gold Ballads Part 2" gelauscht zu haben, und es braucht seine Zeit, sich das Werk in all seinen Facetten zu erschließen. Für mich ist dies definitiv stimmungsabhängig, aber wenn es passt, dann verliere ich mich gern in den tollen Arrangements eines wunderschönen Albums aus einer Zeit, als die Scorpions auch Terrain rechts und links ihrer Dampfrock-Marschroute zu erkunden sich trauten.