Aus der Amazon.de-Redaktion
Kaum ein Autor des Genres hat derzeit Aufregenderes zu bieten als der Schotte Ian Rankin. Kurioserweise wurde sich Rankin erst der Tatsache bewusst, Krimis zu schreiben, als er in den Literaturabteilungen der Buchhandlungen vergebens nach seinen Büchern suchte und sie stattdessen in den einschlägigen Krimiregalen wiederfand. Große Atmosphäre, Detailgenauigkeit, glaubwürdige und fein entwickelte Charaktere und die große Kunst des Dialogs zeichnen Rankins Romane aus, zu dessen Fans kein Geringerer als der Polizeipräsident von Edinburgh gehört. Rankins Held John Rebus ist ein mit Instinkt und Intuition gesegneter genialischer Dickschädel, ein Einzelgänger und Gerechtigkeitsfanatiker, dem sein gespaltenes Verhältnis zur Polizeihierarchie häufig zum Verhängnis wird. Vordergründiger Zynismus ist sein Schutzwall, tiefe Melancholie leistet er sich erst alleine im Pub oder zu Hause bei Whisky und Rockmusik.
Philippa Balfour, eine junge Frau aus reichem Hause, ist spurlos verschwunden. Die intensive Suche verläuft zunächst erfolglos. Ganz nebenbei wird in der Nähe eines kleinen Wasserfalls auf dem Land ein winziger Sarg mit einer Puppe gefunden. Rebus glaubt, Verbindungen zu ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit zu erkennen und ermittelt gegen den Willen seiner Vorgesetzten in diese Richtung. Philippa wird ermordet aufgefunden und Rebus suspendiert, während Kollegin Siobhan Clarke in Erfahrung bringt, dass die Tote ein merkwürdiges Rätsel im Internet gespielt hatte. Sie klinkt sich ein und erliegt mehr und mehr der Faszination dieses Spiels.
Ian Rankin schreibt in Echtzeit; Rebus wird also von Roman zu Roman älter und strebt mittlerweile dem Pensionsalter zu. Vielleicht dürfen wir hoffen, dass dem großartigen Erzähler Rankin ein Kunstgriff einfällt, uns seine wundervollen Rebus-Stories zu erhalten, denn große Unterhaltung auf derart hohem Niveau hat wahrlich Seltenheitswert. --Ulrich Deurer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
»'Puppenspiel' sollte Rankin, wenn sich denn Klasse durchsetzt, in die Liga der Bestseller-Schweden heben. Mehr als 600 Seiten stark, aber dicht und packend: ein Krimi, der den Vergleich mit den altersmüden Werken von Henning Mankell spielend gewinnt.« (Stern )
»Ein Krimivergnügen der Spitzenklasse, was nicht nur an der spannenden und intelligenten Story liegt, sondern auch an dem sympathischen Querkopf John Rebus.« (Münchner Merkur )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Die Welt
»'Puppenspiel' sollte Rankin, wenn sich denn Klasse durchsetzt, in die Liga der Bestseller-Schweden heben. Mehr als 600 Seiten stark, aber dicht und packend: ein Krimi, der den Vergleich mit den altersmüden Werken von Henning Mankell spielend gewinnt.«
Stern
»Ein Krimivergnügen der Spitzenklasse, was nicht nur an der spannenden und intelligenten Story liegt, sondern auch an dem sympathischen Querkopf John Rebus.«
Münchner Merkur
Über den Autor
Mit „Ein Rest von Schuld” hatte Ian Rankin seinen Ermittler John Rebus nach 17 Fällen in den wohlverdienten Ruhestand geschickt – und lässt jetzt Inspector Malcolm Fox die Bühne betreten, der in „Ein reines Gewissen” seinen ersten Fall zu lösen hat.
Ian Rankin lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Edinburgh.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Er saß mit gesenktem Kopf vorne auf der Sofakante. Sein glattes Haar hing ihm in langen Fransen ins Gesicht. Seine Knie bewegten sich wie Kolben unablässig auf und ab. Trotzdem berührten die Fersen seiner schmuddeligen Turnschuhe nicht ein einziges Mal den Boden.
»Haben Sie was genommen, David?«, fragte Rebus.
Der junge Mann blickte auf. Unter seinen geröteten Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab. Ein hageres, kantiges Gesicht, Bartstoppeln auf dem unrasierten Kinn. Er hieß David Costello. Nicht Dave oder Davy, nein: David. Das hatte er sofort klargestellt. Namen, Klassifizierungen, all das schien ihm sehr wichtig zu sein. Auch die Medien hatten dem jungen Mann bereits einige Etiketten verpasst: Mal war er »der Freund«, dann »der tragische Freund« oder auch »der Freund der vermissten Studentin«. In einem Blatt war er lediglich »David Costello, 22«, ein anderes bezeichnete ihn als den »22-jährigen Kommilitonen David Costello«. Mal lebte er »gemeinsam mit Miss Balfour in einer Wohnung«, dann wieder war er nur ein »häufiger Gast in der Wohnung, aus der die Studentin unter mysteriösen Umständen verschwunden ist«.
Obwohl es sich natürlich auch bei der Wohnung nicht einfach um eine normale Wohnung handelte, vielmehr um eine »Wohnung in Edinburghs vornehmer Neustadt« respektive um »das 250 000-Pfund-Domizil, das Miss Balfours Eltern ihrer Tochter spendiert haben«. John und Jacqueline Balfour wiederum traten mal als »die tief getroffenen Eltern«, mal als »der unter Schock stehende Banker und seine Frau« in Erscheinung. Und bei der vermissten Tochter der beiden schließlich handelte es sich um »Philippa, 20, die an der Universität Edinburgh Kunstgeschichte studiert«. Ein »hübsches«, »lebhaftes«, »unbekümmertes« junges Ding. Und nun wurde sie also vermisst.
Als Inspektor Rebus die Hände von dem Sims des Marmorkamins hob und ein, zwei Schritte zur Seite trat, folgte ihm David Costello mit den Augen.
»Der Arzt hat mir ein paar Pillen gegeben«, beantwortete er Rebus' Frage.
»Und - haben Sie sie genommen?«, fragte Rebus.
Der junge Mann schüttelte nur langsam den Kopf, ohne Rebus aus den Augen zu lassen.
»Kann ich Ihnen nicht verübeln«, sagte Rebus und schob die Hände in die Hosentaschen. »Verschafft einem ein paar Stunden Ruhe das Zeug, aber ändern tut es natürlich nichts.«
Philippa - oder »Flip«, wie ihre Freunde und Angehörigen sie nannten - war seit zwei Tagen verschollen. Noch nicht sehr lange, trotzdem war ihr Verschwinden rätselhaft. Noch um sieben Uhr abends hatte Flip sich telefonisch für acht Uhr mit Freunden in einer Bar auf der South Side verabredet. Es handelte sich um eines der kleinen trendigen Lokale, die neuerdings in der Uni-Gegend aus dem Boden schossen und ihre betuchte Jung-Klientel bei gedämpfter Beleuchtung mit überteuerten aromatisierten Wodkas versorgten. Rebus kannte das Lokal, schließlich war er auf dem Weg von und zur Arbeit schon mehrmals daran vorbeigekommen. Gleich nebenan war diese altmodische Kneipe, in der ein Wodkacocktail bloß ein Pfund fünfzig kostete. Allerdings fehlten die Designerstühle, und das Personal wusste zwar, was bei einer Schlägerei zu tun war, hatte aber von Cocktails keinen blassen Schimmer.
Folglich musste Flip gegen sieben, viertel nach sieben die Wohnung verlassen haben, während Tina, Trist, Camille und Albie sich schon die zweite Runde Drinks genehmigt hatten. Aus den Akten wusste Rebus bereits, was es mit diesen Namen auf sich hatte. Trist stand für Tristram und Albie für Albert. Trist war mit Tina liiert und Albie mit Camille. Eigentlich hätte Flip David mitbringen sollen, allerdings hatte sie schon am Telefon gesagt, dass David diesmal nicht dabei sein würde.
»Haben uns mal wieder gestritten«, hatte sie ohne viel Aufhebens erklärt.
Vor dem Verlassen der Wohnung hatte Flip noch die Alarmanlage eingeschaltet. Auch das war Rebus neu: eine Studentenbude mit Alarmanlage. Außerdem hatte sie den Riegel vorgelegt, die Wohnung also optimal gesichert. Dann war sie eine Treppe nach unten gegangen und in die warme Nacht hinausgetreten. Um zur Princes Street zu gelangen, hätte sie jetzt bloß einen steilen Hügel hinaufzugehen brauchen. Dann noch ein Aufstieg, und schon wäre sie in der Altstadt gewesen, genau genommen auf der South Side. Aber natürlich war sie nicht zu Fuß gegangen. Ein Taxi hatte sie allerdings auch nicht gerufen. Das hatte die Überprüfung der von ihr im Festnetz und per Handy angewählten Nummern bereits ergeben. Sollte sie trotzdem ein Taxi genommen haben, dann musste sie es auf der Straße angehalten haben.
Falls sie dazu überhaupt noch Gelegenheit gehabt hatte.
»Also, ich hab es jedenfalls nicht getan«, sagte David Costello.
»Was haben Sie nicht getan, Sir?« »Ich habe sie nicht umgebracht.« »Hat doch niemand behauptet.«
»Nein?« Costello blickte auf und sah Rebus direkt ins Gesicht.
»Nein«, beruhigte ihn Rebus, weil das zu seinem Job gehörte.
»Und der Durchsuchungsbefehl...«, fing Costello wieder an.
»Reine Routine«, erklärte Rebus. Was auch stimmte: Bei Vermisstenanzeigen suchte die Polizei zunächst sämtliche Orte auf, an denen der Betreffende sich möglicherweise aufhalten konnte. Das gehörte zur Routine: Man unterschrieb die nötigen Formulare und konnte sofort loslegen. Man sah sich beispielsweise in der Wohnung des Freundes um. Rebus verkniff sich die Bemerkung: Bewährt hat sich diese Vorgehensweise, weil der Täter in neun von zehn Fällen ein Bekannter oder Angehöriger des Opfers ist. Weil es sich bei ihm meistens nicht um einen Fremden handelte, der plötzlich aus der Nacht aufgetaucht war. Die meisten Menschen, die einem Mord zum Opfer fielen, wurden von einer ihnen nahe stehenden Person umgebracht: dem Ehepartner, dem Geliebten, dem Sohn, der Tochter. Vielleicht vom Onkel, dem besten Freund, dem einzigen Menschen, dem man vertraut hatte. Das Opfer hatte den Täter betrogen oder der Täter das Opfer. Man wusste etwas oder besaß etwas. Jemand war eifersüchtig, hatte sich eine Abfuhr geholt, brauchte unbedingt Geld.
Falls Flip Balfour wirklich tot war, würde ihre Leiche schon sehr bald gefunden. Wenn sie noch lebte und nicht gefunden werden wollte, stand die Polizei vor einem größeren Problem. Außerdem waren die Eltern des Mädchens ja bereits im Fernsehen aufgetreten und hatten ihre Tochter angefleht, sich bei ihnen zu melden.