"Wenn Du die Wahrheit sagst, lass Dein Pferd gesattelt."
(Kaukasisches Sprichwort)
In seiner kurzen Einleitung geht (der für "Die Welt" in Moskau als Korrespondent tätige Autor) Manfred Quiring bis in die Mythologie des antiken Griechenlands zurück. Zeus ließ Prometheus an den Kaukasus ketten und schickte täglich den Adler Ethon, damit dieser ein Stück von der Leber des wehrlosen Titanensohnes fraß. Prometheus war bestraft worden, weil er entgegen des göttlichen Verbotes, den Menschen das Feuer gebracht hatte. Auch das Land Kolchis, von dem Jason und seine Argonauten das goldene Flies raubten wurde dort lokalisiert. Heute leben ca. 50 verschiedene Völker in diesem zum Teil sehr unwirtlichen Gebirgsmassiv, das wegen seiner zahlreichen Sprachen und Dialekte bereits im Mittelalter als "Berg der Sprachen" bezeichnet wurde.
Das erste Kapitel bietet einen historischen Überblick der gesamten Region zwischen Persern und Türken, bis hin zur allmählichen russischen Eroberung, die im 16. Jahrhundert durch Iwan IV. ("den Schrecklichen") begann. Während die bereits im 4. Jahrhundert christianisierten Völker mitunter um russische Hilfe "baten", widersetzen sich vor allem die islamischen "Gorzy" den Annexionsversuchen des Zarenreiches. 1785 rief der tschetschenische Schäfer Uschruma als Scheich der Nakschibendi zu einem "Ghasavat" ("Heiligen Krieg") auf, der ihm den arabischen Beinamen Mansur (der Siegreiche) einbringen sollte. Die bedeutenste Gestalt war jedoch Imam Schamil (1797 - 1871), der sich im 19. Jahrhundert an die Spitze der politisch-religiösen Erneuerungsbewegung des Müridismus stellte, und eine breite Allianz aus verschiedenen Völkern (u. a. die oftmals verfeindeten Tschetschenen und Dagestaner) schmieden konnte. Dem aus dem Volk der Awaren stammenden Imam stand ein Diwan (geheimer Rat) zur Seite. Seine Herrschaft endete mit der Schlacht am Berg Gunip am 6. September 1859. Leo Tolstoi hat ihm mit "Hadschi Murat" ein Denkmal gesetzt. Allen Völkern des Kaukasus ist ein über alles hochgehaltenes Gastrecht und die absolute Treue zur/zum eigener Familie/Clan gemein.
Im Kapitel über "Georgien, die kaukasische Perle am Schwarzen Meer" gibt es neben einem Rückblick bis ins Goldene Zeitalters König "Davids des Erbauers" und seiner Nachfolger, eine sachliche Analyse des georgisch-russischen Krieges im August 2008. Russland sei auf den ebenso dummen, wie überflüssigen Versuch des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili, Südossetien wieder dem Mutterland einzuverleiben, gut vorbereitet gewesen (Seite 29), um seine keineswegs altruistischen geopolitischen Interessen im Transkaukasus durchzusetzen (S. 35). Russland habe dadurch den Westen gewarnt und ihm eine Retourkutsche für das Kosova erteilt, indem es Abchasien und Südossetien im Oktober 2008 als unabhängige Staaten anerkannte. Der Geschichte beider, nach internationalem Recht nach wie vor zu Georgien gehörenden, Landesteile ist jeweils ein Unterkapitel gewidmet.
Aserbaidschans Geschichte, seinem Ölreichtum und der Konflikt um die von seinen armenischen "Todfeinden" besetzten Enklave Berg-Karabach sind Gegenstand des dritten Kapitels. Danach folgt ein Beitrag über den ältesten christlichen Staat der Welt, Armenien, das bereits zu Beginn des 4. Jahrhunderts das Christentum angenommen hatte. Hier wird der Konflikt um Arzach, aus armenischer Sicht dargestellt. Mehrere Seiten nimmt der Genozid ein, den das Osmanische Reich im Jahre 1915 an den Armeniern verübt hat. Obwohl sich die Türkei bis heute weigert, den Völkermord anzuerkennen, die Deportation der Armenier vielmehr als eine vom Krieg bedingte und damit legitime Maßnahme ansieht, lud der armenische Präsident Sersch Sargsjan den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül zum WM-Qualifikationspiel der beiden Länder am 8. September 2008 in Jerewan ein. Zuvor musste allerdings die armenische Fußballföderation den (in der Türkei liegenden) heiligen Berg Ararat (wo Noah mit seiner Arche gelandet war) entfernen. Man bemüht sich also, das Verhältnis zwischen dem indoeuropäisch-christlichen und dem türkstämmig-islamischen Land zu normalisieren. Ein kurzes Unterkapitel befasst sich mit der "armenischen Diaspora".
Das fünfte Kapitel bietet einen Überblick über "Russlands moslemischen Nordkaukasus" in dem die antirussische Stimmung wächst. Sieben Millionen Einwohner leben auf einem politisch und ethnischen Flickenteppich, auf dem Moskau sieben Vertreter Regimes installiert hat. Der ehemalige tschetschenische Rebellenpräsident Doku Umarow hatte sich vom Nationalisten zum Islamisten gewandelt und im Oktober 2007 im Untergrund das "Kaukasische Imarat" gegründet. Mit Überfällen und Anschlägen auf russische Beamte und Einrichtungen will er in die Fußstapfen Imam Schamils treten. Der selbsternannte "Emir aller Mudschaheddin des Kaukasus" spaltete nicht nur die tschetschenische Widerstandsbewegung, er leistete auch dem Einbruch des Wahabismus in den Nordkaukasus und der damit verbundenen Radikalisierung des Kampfes Vorschub (S. 110). Ein Unterkapitel beschreibt, wann und auf welche Weise die nordkaukasischen Völker islamisiert wurden und zeigt die Konkurrenz zwischen dem alten Naturrecht "Adat" (zu dem auch die Blutrache "Kanly" gehört) und der islamischen Scharia auf.
Besonders faszinierend ist das Kapitel über Dagestan, das mit seinen 14 Nationalitäten und rund 50 ethnischen Untergruppen, keine Titularnation ist, sonder schlicht als "Bergland" bezeichnet wird. Hier leben Völker die authochtone kaukasische, turksprachige und indoeuropäische Idiome sprechen. Gleichwohl die Mehrheit der Dagestaner dem Islam anhängt gibt es dort unter der Bezeichnung "Cognac" erhältliche, recht ordentliche Weinbrände wie "Kaspi", "Derbent" usw. Trotz strenger Fangquoten wird "Kaviar satt" angeboten und in jedem Haushalt eingut sortiertes Waffenarsenal bereit gehalten. Die Dagestaner seien zudem stolz darauf, dass man die Miliz schon mit 50 Rubeln schmieren könne, denn mehr würden sie auf keinen Fall nehmen (S. 118). Neben einem gut konspirierenden Diversions- und Terrornetz, das von Vertretern des internationalen Terrorismus gesponsert wird (S. 119), herrscht Korruption und Nepotismus, was viele aus dem Wirtschaftsleben ausschließt und in die Arme radikaler Islamisten treibt (S. 122). Besonderheiten des Kaukasus sind der "Tamada", der Zeremonienmeister der Tafel, dem sich eine Festgesellschaft unterzuordnen hat, die "Kardschlar" (Blutsbruderschaft) und die sogenannten "Bergjuden", die bereits im 8. vorchristlichen Jahrhundert eingewandert seien.
Das längste Kapitel ist den wainachischen Brüdervölkern der Tschetschenen und Iguschen gewidmet, von den angenommen wird, dass sie von den Hurritern des 2. vorchristlichen Jahrhunderts abstammen. Quiring ist hier eine detaillierte Schilderung der Hintergründe des Konflikts und der beiden Kriege um Tschetschenien gelungen. Den von Skythen, Sarmaten und Alanen abstammenden Nordosseten ist das achte Kapitel gewidmet. Im Mittelpunkt steht der schreckliche Überfall Schamil Bassajews auf eine Schule in Besan am 1. September 2004. Nach dem Kapitel über die wohl weniger bekannten Republiken "Kabardino-Balkarien", "Karatschj-Tscherkessien" und "Adygeya", einem weiteren über "Stawropol, Krasnodar und die Kosaken" (mit Anna Netrebko und Sotschi, dem Ort der Olympischen Winterspiele 2014), gewährt das letzte Kapitel des brandaktuelle Sachbuch noch mal Einblicke in Eigenheiten und Klischees. Der Autor schließt mit den Worten: "Es schmerzt, sehen zu müssen, wie Kriege, Konflikte, der starke Hang zur Gewalt die Lebensgrundlage von Millionen Kaukasiern gefährden. Äußerliche Begehrlichkeiten verschärfen die brisante Situation.....aber auch untereinander sind sich die Völker spinnefeind."
Den Abschluss des, beinahe wie ein Roman zu lesenden, Sachbuches bilden Anmerkungen/Fußnoten, ein Literaturverzeichnis, Basisdaten der Süd- und Nordkaukasischen Republiken, sowie eine Übersicht der im Kaukasus anzutreffenden Sprachfamilien mit ihren Untergruppen.
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