Wie soll ich einen Roman ernst nehmen, dessen deutscher Titel bereits den ersten heftigen Übersetzungsfehler aufweist? Ein einziger Blick in ein gutes Wörterbuch hätte den deutschen Herausgebern gezeigt, dass das englische "Pulse" in diesem Zusammenhang keineswegs mit "Puls", sondern mit "Impuls" übersetzt werden MUSS, weil es sich eben genau darum handelt. Warum man das deutsche Buch nicht einfach "Handy" genannt hat, um dem Original enger zu folgen, weiß ich allerdings auch nicht. Das heißt... doch, schon, ich befürchte nämlich, dass man im deutschen Verlag gar nicht wusste, was "Cell" überhaupt auf Deutsch heißt... "Echt, das ist eine Abkürzung für "Cellular phone"? Haben wir gar nicht gewusst!" Genug des Sarkasmus. ;-)
Also, "Puls" wollte ich nicht lesen, sondern dann doch lieber "Cell", um mich nicht weiter über einen offensichtlich völlig unfähigen Übersetzer/Herausgeber aufregen zu müssen.
Nun zum Inhalt: "Cell" beginnt vielversprechend. Da ist er wieder, der alte King, der Meister der Horrorszenarien, der subtilen Psychologie und der regelmäßigen 400-Seiten-Gänsehaut, den ich früher (vor Insomnia) einmal so verschlungen habe. Die Spannung hält ungefähr 50 Seiten an und dann stirbt auch dieses Buch an seiner unsäglichen Vorhersehbarkeit.
Ich glaube, die bahnbrechende Erkenntnis, die uns wohl alle zutiefst schockieren und deprimieren sollte, bestand für King darin, das menschliche Gehirn mit einer Festplatte zu vergleichen. Für ihn mag das ja schockierend sein, für mich ist das - auch durch die Erkenntnisse der Hirnforschung - eine Selbstverständlichkeit. Dass wir programmiert werden können wie ein Computer ist in den Zeiten des alltäglichen Einsatzes von Neurolinguistischem Programmieren doch etwas völlig Normales.
Und genau deswegen zündet "Cell" bei mir nicht. Ein Programm hat also alle Gehirne derjenigen mit Handys formatiert, die rebooten sich natürlich und entwickeln sich in eine andere Richtung als vorher - irgendwie ein bisschen wie ein Rechner, der nach gründlicher Formatierung Linux anstatt Windows aufgespielt bekommt. Schön und gut, nur bitte wo ist das Ungeheuerliche? Wo ist das Unerklärliche, das Spannende? Dass ein Häuflein Nicht-Formatierter zu überleben versucht? Da lese ich doch lieber "The Stand" nochmal, denn die ganzen On-The-Road-Geschichten kenne ich bereits aus diesem Meisterwerk.
Dazu zählt übrigens auch der erneute Einsatz von Telepathie. *gähn*
Daneben wird man dann mit Dutzenden Ungereimtheiten, Sinnlosigkeiten und Verstößen gegen die elementarste Logik unterhalten. Beispiel: Als Clay seinen Sohn findet, wird die Frage, wie man einen einzelnen kleinen Jungen innerhalb eines riesigen möglichen Radius so schnell finden kann, nicht beantwortet. Ich hasse es, wenn Autoren derartig nachlässig mit Geografie und Logik umgehen. Und dann wartet der Vater auch noch eine ganze Woche (!), bis er das Einzige tut, das Sinn macht. So lange leiden halt Sohnemann und Vater ein wenig vor sich hin, aber passieren tut rein gar nichts. Mir drängt sich der unschöne Verdacht auf, dass diese völlig unnötige Woche am Ende nur dazu gedient hat, die vom Verlag verlangte Zeichenzahl zu erreichen.
Das offene Ende ist der platteste Griff in die Schatzkiste der Stilmittel, den ich von King jemals gelesen habe, und schlichtweg eines Schriftstellers seines Kalibers unwürdig. Auch hier vermute ich, dass er es schlicht nicht innerhalb seiner Abgabefrist gebacken gekriegt hat, ein wirklich bahnbrechendes Ende zu inszenieren.
Hier hat nicht nur Stephen King erneut versagt, sondern auch sein Lektor. So einen holprigen, beinahe unlesbaren Stil bin ich von ihm nicht gewohnt.
Dies war mein definitiv letzter Versuch, Stephen King noch eine Chance zu geben. Diese Lektüre hat mich mehr Nerven gekostet als sie Freude am Lesen gebracht hat. Ich glaube, ich lese irgendwann nochmal "Misery" (ich weigere mich, dieses Buch "Sie" zu nennen) oder eben "The Stand" - nur um mich daran zu erinnern, wie genial dieser Mann früher mal geschrieben hat.