In der Welt des Quentin Tarantino mit Filmen von Reservoir Dogs bis Inglourious Basterds, die sich durch die Reihe einer verschachtelten, ständig zitierenden und doch genuinen Erzählweise bedienen, und in einzigartiger cool-lässiger Weise drastische Gewalt inszenieren, sticht ein Werk als Apex noch einmal ganz besonders heraus: Pulp Fiction. Der Film ist (wie alle Tarantino-Filme bis auf Jackie Brown) im Stile eines Vexierspiels aufgebaut, bei dem der Zuschauer die Einzelteile des in drei Handlungsstränge separierten Puzzle-Plots erst am Ende in die chronologische Reihenfolge ordnen kann. Das Drehbuch dieses kunstvoll und ästhetisch abgefilmten Konglomerats aus Gewalt, Humor, Erotik und Tiefsinn entstand nach diversen Kurzfilm-Exposés aus der Feder von Tarantino. Schon ein Blick auf die Promotion-Poster des Films verrät, dass die Muster der Handlung und deren Charaktere im Wesentlichen den Krimigroschenromanen aus den 60er Jahren entlehnt sind - den so genannten Pulps. In diesen Kontext ordnet sich auch die Musik dieses aus 20 Stücken kompilierten Soundtracks ein, der zum größten Teil aus Surf-Musik der 60er Jahre besteht, die durch ihre elektroakustische Verzerrung, ihre Lautstärke und ihr rhythmisches Tempo eine ähnlich ekstatische und atemberaubende Wirkung entfacht wie das mit grellen Effekten bebilderte Mosaik aus grotesken Situationen und skurrilen Figuren auf der Leinwand. Tarantino wählte bewusst Stücke mit einfachen und ausgreifenden Melodien aus, die mit extremen Nachhall ein perfektes musikalisches Äquivalent zur visuellen Handlung bilden.
Die Selektion der Stücke erfolgte nicht zur kommentierenden oder narrativen Untermalung des Films, wie es eigentlich für Soundtracks typisch ist, sondern eher situativ bedingt. Dadurch dass vor einigen Tracks Dialogsequenzen zu hören sind, lässt sich der Soundtrack eigenständig als diegetische Musik evokativ nachvollziehen. Mit dem Vorspann ertönt das Instrumentalstück "Misirlou", dargeboten mit einem markanten und flüssigen Riff von Dick Dale auf der E-Gitarre. Das Stück endet abrupt mit dem Geräusch eines Autoradios, das zu "Jungle Boogie" von Kool & The Gang überleitet. Beide Titel nacheinander stehend spiegeln in der Eröffnungssequenz des Films den unterschiedlichen Musikgeschmack des weißen und schwarzen Auftragskillers wider (gespielt von John Travolta und Samuel L. Jackson), die beide gewissermaßen den roten Faden der Handlung darstellen. Aber nicht nur Autoradios sondern auch andere mediale Tonquellen spielen in Pulp Fiction bei näherem Hinsehen und Hinhören eine ziemlich große Rolle. Kassettenrecorder, Plattenspieler und Musik aus dem Fernseher werden ebenfalls von den Protagonisten eingesetzt, um Macht und Kontrolle über andere Personen auszuüben. So legt Gangsterbraut Mia (Uma Thurman) "Son Of A Preacher Man" von Dusty Springfield auf, um gegenüber Vincent (John Travolta) ihren Tabu-Status als "verbotene Frucht" zu bekräftigen. Als Vincent und Mia zusammen den "Jack Rabbit Slim's Twist" Wettbewerb bestreiten, korrespondieren Zitate der Kinokultur mit musikalischen Zitaten der Rock- und Popgeschichte der 50er Jahre. Ricky Nelson, Chuck Berry und Link Wray And His Ray Men sind da zu hören. Dabei spielt Travolta im Reigen von als Filmstars verkleideten Kellnern ironisch auf seine Rolle in Saturday Night Fever an. Kontrapunktisch wirkt die Coverversion des Neil-Diamond-Songs "Girl You'll Be A Woman Soon" von Urge Overkill, die intoniert wird, als Mia in Folge einer Überdosis schliesslich kollabiert. Der Zusammenbruch Mias beendet eine 20-minütige Sequenz des Films, die durchgängig mit Musik unterlegt ist und mit dem Kollaps in daran anschliessende 30 Filmminuten ohne jegliche musikalische Untermalung mündet. Die Grenze zwischen "Pulp Fiction" und der Realität wird somit nicht nur visuell sondern auch akustisch markiert. Mit dem Abreißen der Musik bricht quasi die Wirklichkeit ins Leben der Filmfiguren, die in diesem Moment erkennen, dass sie eben doch nicht die Konsequenzen ihres Handelns vollständig kontrollieren können.
Obwohl die einzelnen Stücke teilweise sehr divergente Charaktere zueinander aufweisen, handelt es sich durch die melodische Wiederholungsstruktur der Surf-Musik doch um einen sehr einheitlichen Soundtrack, der mit einem Schmunzeln der lustvollen Nacherinnerung visueller Kontexte frönt und wunderbar zu der sprunghaft akzentuierten Handlung des Films passt. In den USA erreichte der Soundtrack immerhin dreifachen Platinstatus.