Seit ihrem Erscheinen ist diese Aufnahme der "Bohème" eher etwas für hartnäckige Fans der Callas (wie mich). Die Mimì der Griechin hat harsche Ablehnung und Kritik erfahren, und ich kann die vorgebrachten Argumente gut nachvollziehen.
Verglichen mit den großen Mimì-Interpretinnen der LP-Ära (de los Angeles, Tebaldi, Freni) fehlt Callas Mimì der seidige Schmelz in der Stimme, die Weichheit und Zärtlichkeit, die die Szenen der Figur so berührend machen.
In der Tat gelingen Callas die unendlichen Melodiebögen weniger eindringlich als ihren Kolleginnen, und wer sich daran stört, mag zu den zu recht gerühmten Einspielungen Beechams, Serafin, Schippers' und Karajans greifen.
Auf der anderen Seite kann und will ich Callas' Interpretation nicht gänzlich verdammen, gelingt ihr doch auch hier, aus der etwas eindimensionalen Figur einen wirklichen Charakter zu formen. Ihre Mimì wirkt erwachsen, eigenständig und leidenschaftlich. Damit eröffnet Callas den Blick für Facetten der Rolle, die von anderen Sängerinnen nicht erschöpft worden sind. Meines Erachtens ist dies eine Bereicherung der Interpretationsgeschichte des Werks.
Was die übrige Besetzung angeht, muss sich die Aufnahme nicht hinter der Konkurrenz verstecken. Di Stefano ist ein wunderbarer Rodolfo, technisch nicht ganz so einwandfrei wie Björling, Bergonzi, Gedda oder Pavarotti, aber nicht weniger authentisch und klangschön.
Rolando Panerai klingt wesentlich frischer und klangvoller als in der späteren Karajan-Aufahme. Dennoch ziehe ich Bastianini vor. Zaccaria ist kein besonders eindrucksvoller Colline, aber Anna Moffo ist für mich die verführerischste Musetta aller Aufnahmen, auch wenn sie wenig genau singt.
Votto dirigiert ein wenig spannungslos und ohne Esprit.
Für Bewunderer der Callas ein must have, für alle anderen eine interessante Bereicherung der Sammlung.