Museen müssen den Herausforderungen ihrer Zeit Rechnung tragen, was besucherorientiertes Arbeiten immer wichtiger macht. Der Einsatz von Besucherforschung und Evaluationsstudien gewinnt in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung. Wie aber erfolgt der Umgang mit den gewonnenen Ergebnissen aus Publikumsstudien? Unter welchen Voraussetzungen ist die Forschung besonders wirksam?
Diesen Kernfragen geht Eva M. Reussner in ihrer 2010 im transcript Verlag erschienenen Publikation 'Publikumsforschung für Museen. Internationale Erfolgsbeispiele' nach. Die Veröffentlichung basiert auf ihrer Dissertation zum Thema. Anhand von 21 renommierten Museen in Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland, die Vorreiter auf dem Gebiet der Publikumsforschung sind, stellt sie zentrale Faktoren für den erfolgreichen Einsatz und die wirksame Nutzung von Publikumsforschung vor.
In ihrer Einführung werden Formen, Ansätze und Methoden der Publikumsforschung definiert. Eva M. Reussner wählt die Bezeichnung Publikumsforschung statt Besucherforschung, da ihr der Begriff Besucher zu eng gefasst erscheint. So wird die gesamte Öffentlichkeit eines Museums, nicht nur die erreichten Besucher, einbezogen.
Im folgenden Kapitel zur Öffnung von Museen für ihr Publikum wird Publikumsforschung historisch eingeordnet. Dafür wird die Entwicklung von Besucher- bzw. Publikumsorientierung im Wandel des Selbstverständnisses von Museumsarbeit beschrieben. Hiermit einher geht die Entstehung von Publikumsforschung, die ab dem 19. Jahrhundert aufgezeigt wird. Das Kapitel ist ein hilfreicher Überblick für den Einstieg in die Thematik, wobei Wert auf die internationale Perspektive gelegt wird.
Als Ausgangspunkt der Studie formuliert die Autorin - berechtigte - Kritik an der mangelnden Wirksamkeit von Publikumsforschung aufgrund von Defiziten bei der Ergebnisumsetzung und Anwendung. Da zu dieser Problematik bisher kaum Studien vorhanden sind, nimmt sie sich einer wichtigen Forschungslücke an. Ausführlich und nachvollziehbar beschreibt sie anschließend Ansatz, Methoden und Durchführung der Untersuchung. Kern ist der Vergleich von 21 best practice-Fallstudien an großen Museen, die Publikumsforschung besonders aktiv und erfolgreich einsetzen. Hierbei werden verschiedene Museumstypen aus der ganzen Welt einbezogen. Untersuchte deutsche Museen sind das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, das Deutsche Museum und das Jüdische Museum Berlin. Die Internationalität der Auswahl ist dabei mit Häusern unter anderem in Australien, Neuseeland und Nordamerika besonders beeindruckend. Die Methoden der Studie umfassen mündliche Interviews mit Mitarbeitern der Museen und Experten der Publikumsforschung sowie Online-Befragungen.
Auf diese Weise erfolgt eine Analyse der gegenwärtigen Praxis von Publikumsforschung in den untersuchten Museen hinsichtlich Rahmenbedingungen, Forschungsbeginn, quantitativem und thematischem Umfang sowie Methodeneinsatz. Diese Bestandsaufnahme ergibt sehr unterschiedliche Bedingungen und Anwendungsbereiche der Studien. Zentral ist die Ermittlung der Veränderungen durch den Forschungseinsatz. So ermöglichen die Resultate den Museen an erster Stelle eine fundierte Entscheidungsfindung, Publikumsorientierung sowie verbesserte Ausstellungen und Programme.
Aus den Ergebnissen erarbeitet die Autorin zwölf Erfolgsfaktoren für effektive Publikumsforschung und ordnet sie nach dem Grad ihrer Wirksamkeit. Zentrale Faktoren sind: Integration (grundsätzliche und frühzeitige Einbettung der Publikumsforschung in Planungen und Prozesse), Akzeptanz (Anerkennung als wertvoller Beitrag durch Museumsmitarbeiter) sowie Unterstützung durch die Führungskräfte, Publikumsorientierung (als zentrale Leitlinie des Museums) und Nützlichkeit (anwendungs- und zweckbezogene Studienanlage).
Die Verfügbarkeit von Ressourcen für Studien wird zwar häufig als Einsatzhindernis genannt, stellt aber im Vergleich den am wenigsten erfolgsentscheidenden Faktor dar. Den Museen gelingt trotz begrenzter Mittel ein erfolgreicher und wirksamer Einsatz, da sie die zentralen Erfolgsfaktoren berücksichtigen. Weitere wichtige Ergebnisse sind die Charakterisierung der Rolle des Publikumsforschers als spannungsreich hinsichtlich vielfältiger Anforderungen, sowie die Bedeutung des Einbezugs der Führungskräfte und Museumsmitarbeiter in die Forschung. Die Praxisrelevanz dieser Ergebnisse ist bedeutend. Eva M. Reussner stellt sie ausführlich dar und leitet daraus wichtige Empfehlungen ab. Besonders die Beispiele der australischen und neuseeländischen Museen sind gut gewählt, da diese in ihrer Vorreiterrolle besonders erfolgreich sind. Zudem werden Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschung, unter anderem an weniger aktiven kleineren Museen geliefert. Abgerundet wird die Publikation durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis, auch internationaler Literatur.
Fazit: Publikumsforschung für Museen. Internationale Erfolgsbeispiele von Eva M. Reussner ist für jeden, der sich mit Publikumsforschung befasst, eine hilfreiche Publikation. Sie bietet einen theoretischen Überblick, aber vor allem eine wichtige Erfahrungssammlung für Praktiker. Auch für Museen als Auftraggeber von Untersuchungen enthält sie Anregungen für Nutzungsmöglichkeiten und Verbesserungspotenzial. Diese sind auch über Museen hinaus auf Publikumsforschung an anderen Kultureinrichtungen übertragbar.