Die Besonderheit dieses Buches liegt im Autorenteam: Mutter und Sohn haben es zusammen geschrieben. Dabei steuert die Verhaltensbiologin und Beraterin Haug-Schnabel den Großteil des Textes bei, die Kapitel sind aus ihrer Sicht geschrieben; Elternsicht und wissenschaftlicher Blickpunkt werden dabei nicht immer getrennt. Am Ende jedes Kapitels folgen Anmerkungen aus der Sicht des jüngeren Archäologie- und biologische Anthropologie-Studenten Schnabel. Ergänzt werden die Kapitel durch Zitate von befragten Jugendlichen und Eltern.
Ziel des Buches ist es, Eltern und Jugendlichen zu helfen, 'gemeinsam den Übergang ins Erwachsenen-Alter nicht nur gut bewältigen, sondern sogar genießen zu können', wie es auf dem Buchrücken heißt. Der gewählte Weg ist vor allem ein informativer: Das Buch enthält in neun Kapiteln Wissen rund um die Pubertät.
Zu Beginn des Buches wird der schlechte Ruf der Pubertät aufgegriffen: Viele Eltern (und auch Jugendliche) hätten Angst vor ihr, die als Zeit von Stress, Streit und Anstrengung gilt. Die Autoren verändern diesen Blick und betonen die große Chance, die in dieser Zeit liegt: In dieser Phase könnten Erwachsene und Jugendliche voneinander lernen. Es sei nun Aufgabe beider, eine neue Beziehung zu einander zu finden, dazu seien Auseinandersetzungen wichtig. Schwierige Aufgabe der Eltern sei es, einerseits Halt zu geben und die Jugendlichen andererseits aus dem Nest zu stoßen. Dabei sei es enorm wichtig, dass Eltern den eigenen Standpunkt auch in der Konfrontation bewahren und Reibungsfläche bieten, die dem Jugendlichen eine Auseinandersetzung ermöglicht. Erwachsene müssten außerdem einen Trauerprozess durchleben, denn sie müssen das Kind loslassen, das der oder die Jugendliche einmal war.
Ausführlich werden die körperlichen Veränderungen in der Pubertät dargestellt, Fragen von Verhütung und sexueller Aufklärung beantwortet. Für viele neu ist sicher das Plädoyer für eine Aufklärung vom jeweils gleichgeschlechtlichen Elternteil vor Einsetzen der Pubertät. Auch die psychischen und sozialen Entwicklungsaufgaben werden benannt. In einem eigenen Kapitel wird Pubertät früher und heute verglichen, ein anderes widmet sich der Frage, wie viel Einfluss Eltern angesichts wichtiger werdender Peergroups auf die Pubertät ihrer Kinder haben. Ein ganzes Kapitel beschäftigt sich mit Lernen und Schule. Haug-Schnabel betont, wie wichtig selbstbestimmtes Lernen für die Jugendlichen ist und wie sehr die traditionelle Schulumgebung den Lernwillen der Kinder hemmt. Beide Autoren kritisieren die künstliche Welt, in der Kinder und Jugendliche keine wirklichen Aufgaben meistern, nicht wirklich mitgestalten und sich ausprobieren können. Heutige Probleme entstünden auch durch die künstliche Verlängerung der Pubertät in einer für Jugendliche geschaffenen Parallelwelt, die den Einstieg und die Teilhabe an der Welt der Erwachsenen erschwere.
Vor dem letzten Kapitel mit Literatur und hilfreichen Adressen widmen sich die Autoren der Frage, was Kinder in der Pubertät brauchen. Sie verwenden dafür das Bild des 'Netzes', das Erwachsene weben sollen. Wichtig sei, dass Eltern pubertierende Jugendliche notfalls auch gegen deren Widerstand begleiten und ihnen Gesprächsbereitschaft, Interesse, Ansprechbarkeit, überlegte Ratschläge und Klarheit in Pflichten und Grenzen bieten. Dies solle ohne Beschämung und Abwertung geschehen. Jugendliche in dieser Zeit allein zu lassen nennt Haug-Schnabel zu Recht 'fahrlässige Vernachlässigung'.
Insgesamt bietet das Buch eine Fülle von Informationen und Anregungen, hat aber auch seine Schwächen. Die Wichtigkeit guter Beziehung zum Jugendlichen wird immer wieder betont, wie genau diese aber aussieht ist oft nur mit Schlagworten ('Ansprechbarkeit', 'Respekt') benannt. Es entsteht das Gefühl, dass ein genauer Blick auf Eltern-Kind-Beziehungen vermieden wird, was etwas schade ist für ein Buch, das gerade zu deren Verbesserung beitragen möchte. Schade ist auch, dass Nikolas Schnabel nur in Anmerkungen an den Kapitelenden zu Wort kommt: So wurde die Chance vertan, Mutter und Sohn in eine kontroverse Diskussion treten zu lassen. Dies ist auch deshalb schade, weil die Kapitel von Haug-Schnabel sich teilweise etwas trocken lesen, während Schnabels Kommentare erfrischend und gut lesbar sind.
Eine weitere Schwäche des Buches ist das Kapitel über die Geschichte der Pubertät, in der recht oberflächlich und exotistisch heutige sogenannte 'Naturvölker' als für unsere Vorfahren stellvertretend betrachtet werden. Der Breite der in menschlichen Gesellschaften möglichen Pubertäten und Übergange in die Erwachsenenwelt wird dies nicht gerecht. (Dr. Katja Rose)