Psychotherapie der dissoziativen Störungen", herausgegeben von Reddemann, Hofmann und Gast
hat eine komplexe psychische Störung zum Thema, die selbst vielen Ärzten kaum bekannt ist, deren Existenz lange Zeit noch umstritten war und die oft spät oder gar nicht erkannt wird - ein Leidensweg für die Betroffenen und deren Umgebung.
Dass es gute Ansätze gibt zu helfen, legen die Herausgeber überzeugend dar.
Das Multiautorenbuch ist systematisch aufgebaut und beginnt mit der Diagnostik, d. h. dem (sehr variablen) klinischen Bild, diagnostischen Messinstrumenten und der differentialdiagnostischen Abgrenzung vor allem zu posttraumatischen Belastungsreaktionen und Borderline-Störungen.
Durch die facettenreiche Abhandlung wird klar, dass eine schubladenhaft eindeutige Abgrenzung oft nicht möglich ist. Dabei wird auch ausführlich auf die Geschichte und Kritik an dieser diagnostischen Entität eingegangen, den Autoren gelingt es auf Grundlage vieler wissenschaftlicher Arbeiten, die zitiert werden, verbunden mit klarer Argumentation zu überzeugen.
Der zweite und umfangreichste Teil des Buches widmet sich der Therapie, wobei mehrere, sich durchaus auch ergänzende Therapieansätze (z. B. psychodynamisch, kognitiv-verhaltenstherapeutisch) in verschiedenen Kapiteln auch an Hand von Fallbeispielen sehr anschaulich und gut verständlich dargestellt werden. Der Leser erkennt, dass es zwischen diesen Ansätzen mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes gibt. Dabei geben auf diesem Gebiet sehr erfahrene Therapeuten durchaus auch praktische Tipps für das therapeutische Vorgehen und warnen vor Gefahren und Irrwegen - wie wohl natürlich enge Supervision gerade bei diesem Störungsbild von besonderer Bedeutung ist.
EMDR kommt ebenfalls zur Sprache, es wird präzise dargestellt, wie und wann es sinnvoll in das Therapiekonzept eingegliedert werden kann.
Ein weiteres Kapitel ist forensischen und kriminalistischen Aspekten gewidmet, ein Themenkreis der bei dissoziativen Störungen fast zwangsläufig zur Sprache kommt. Hier erhält der Therapeut eine Richtschnur für sein Verhalten in einem ihm sonst fremden Gebiet.
Zuletzt finden wir noch einen Praxisratgeber, der allgemeine Empfehlungen der Herausgeber zum Umgang mit hoch dissoziativen Patienten enthält, eine Therapie-Einschätzungs-Skala nach Kluft und eine Adressenliste mit Behandlungs- und Beratungsangeboten für Betroffene.
Wünschenswert wäre ein Glossar der reichlich benutzten und dem Nicht-Insider teilweise unbekannten Abkürzungen, die man sich nach einmaliger Erklärung oft noch nicht merken kann.
Das Buch ist verlagsüblich übersichtlich angelegt und sauber verarbeitet und unter Berücksichtigung des Inhalts absolut preiswert.
Fazit: Das Buch enthält einen kurzen aber gut fundierten Überblick über alle wichtigen Aspekte dieses komplexen Themas und ist störungsspezifisch und damit auch schulenübergreifend aufgebaut. Es gibt eine sorgfältige erstellte und ausgewogene Hilfe zum praktischen Einstieg in die Psychotherapie dissoziativer Störungen.